Die Offenbarung

Er war alt an Jahren, sogar sehr alt. Ein Gerücht hatte sich verbreitet, dass er nicht sterben würde. Er überlebte die Mutter seines Herrn, für die er sorgte, und er lebte länger als seine engsten Weggefährten, die anderen Jünger, die allesamt an einem gewaltsamen Martyrium starben. Er wurde als Apostel der Liebe bezeichnet, weil ihm die Bruderliebe in seinen Briefen so wichtig war und er beim letzten Abendmahl an der Brust Jesu lag. In seinem Evangelium über das Fleisch gewordene, ewige Wort Gottes sprach der Jünger, den Jesus lieb hatte, von sich selbst in der dritten Person, weil er nie ein großes Aufheben um sich machte. Und doch war er der aufrichtigste und bedeutendste Leiter der Gemeinden in Kleinasien. Er war einer der letzten Augenzeugen, der das Wort des Lebens gehört, gesehen und betastet hatte. Seine persönlichen Berichte waren voller Kraft; einer Kraft des Heiligen Geistes, die von Sünden überführte und Kranke heil machte. Trotz aller weltlichen Verbote hörte er nicht auf, den Missionsauftrag seines himmlischen Meisters zu befolgen. Deshalb landete er bei wahrhaftigen Gewalttätern auf der Gefangeneninsel Patmos. Ungeachtet oder vielleicht gerade wegen all der widrigen Umstände ging der Prophet seiner Gewohnheit nach am Sabbat ins Gebet. Jochanan war im Begriff die größte Offenbarung der Menschheitsgeschichte zu empfangen. Die Offenbarung des Johannes ist das letzte, schwierigste und umstrittenste Buch der Bibel. Über keine andere Prophetie gibt es so viele verschiedene Auslegungen und Theorien. Am besten wir lassen den Autor sprechen und beginnen mit seiner Einleitung:

Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen was bald geschehen muss; und indem er seinen Engel sandte, hat er sie seinem Knecht Johannes kundgetan, der das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt hat, alles, was er sah. Glückselig ist, der die Worte der Weissagung liest und die sie hören und bewahren, was darin geschrieben steht; denn die Zeit ist nahe.

Die Apokalypse (Griechisch: Apokalypsis=Enthüllung) ist nicht wie in manchen Überschriften behauptet die Offenbarung des Johannes, sondern die Enthüllung von Jesus Christus!

So entstanden Missverständnisse bereits durch die Einführung der ersten Manuskripte. Die Offenbarung Jesu Christi wurde zunächst von Gott an Jesus selbst gegeben, der sie dann durch seinen Engel Johannes übermittelt hat.

Die ersten Christen, die die Worte hören und bewahren sollten, wurden von Petrus schon belehrt, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschah, oder durch den Willen eines Menschen hervorgebracht wurde, sondern von Gott her redeten Menschen getrieben vom Heiligen Geist (2. Petrus 1 Verse 20 u. 21).

Johannes könnte hierzu nicht deutlicher sprechen als in Offenbarung Kapitel 1 Verse 10 und 11:

Ich war an dem Tag des Herrn im Geist, und ich hört hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst schreibe in ein Buch und sende es den sieben Gemeinden…

Johannes ist für mich keinesfalls ein Psychopath der eigene Hirngespinste über den Untergang der Welt verbreitete, denn die 22 Kapitel der Offenbarung fügen sich nahtlos in den Kanon der 65 restlichen Bücher der Bibel ein. Meine folgenden Erklärungen zur Apokalypse sollen den Leser ermuntern sich selbst mit dem Ehrfurcht einflößenden Geschichtswerk auseinander zu setzen. Denn es ist seine Geschichte (History), die Erzählung vom Alpha und Omega, vom Lamm Gottes und Löwe von Juda.