{"id":70,"date":"2008-05-17T17:50:56","date_gmt":"2008-05-17T17:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=70"},"modified":"2021-01-03T16:22:35","modified_gmt":"2021-01-03T16:22:35","slug":"7-kapitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=70","title":{"rendered":"7. Kapitel"},"content":{"rendered":"<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-70-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-7-die-reise-nach-china.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-7-die-reise-nach-china.mp3\">https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-7-die-reise-nach-china.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Reise nach China<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der sparsame Schwabe und B\u00e4nker Jonathan Fischer \u00fcberlegte sich, was er mit dem Geld auf seinem eBank-Tagesgeldkonto bei der Volksbank Plochingen eG, die einen wesentlich besseren Zinssatz, als seine Sandbank Denkenstadt eG anbot, anfangen sollte. Durch seinen Mercedes-Benz Verkauf und der erfolgreichen Spekulation mit den VW-Optionsscheinen hatte er eine Summe von DM 66.000,- angespart. Als er sich die Pr\u00e4mie f\u00fcr den reichlich+viel Sprit verbrauchenden VW-Turbosportwagen von der R+V Versicherung ausrechnen lie\u00df, verwarf er den ersten Gedanken eines Spa\u00df machenden Volks-Porsches schnell wieder.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wollte er ja eine Familie mit Kindern, wie sein br\u00fcderliches Vorbild Thomy gr\u00fcnden. Also inspizierte er verschiedene Autoh\u00e4user und verschlang hochgl\u00e4nzende Verkaufsprospekte, bis eine Anzeige in der Esslinger Zeitung noch mehr Appetit in ihm anregte. Einer der naheliegenden EU-Neuwagenh\u00e4ndler bot einen aus Italien importierten, grasgr\u00fcn-metallischen Opel Vectra mit 115 PS f\u00fcr 33.000,- DM an. Die umfangreiche Ausstattungsliste und das f\u00fcnft\u00fcrige Mittelklasseauto sogleich in Untert\u00fcrkheim inspizierend, folgerte der Taschenrechner in Jonathans Kopf, dass er dieses Auto ohne viel Wertverlust verkaufen kann, falls er doch einmal eine Bibelschule in \u00dcbersee besucht. Jonathan empfand ein besonderes Gl\u00fccksgef\u00fchl, als er mit einem Stand von acht Kilometer in die Tankstelle einbog und die rund gebogene Motorhaube mit den flie\u00dfend verlaufenden Scheinwerfern und Seitenspiegeln betrachtete. Nun fehlte im nur noch die richtige Frau auf dem Beifahrersitz. \u201eHey, du sollst dich nicht schon wieder in dein Auto verlieben!\u201c, rief die zuf\u00e4llig an der Nachbartanks\u00e4ule einparkende Vera Fischer ihm zu und wollte das sch\u00f6ne St\u00fcck trotzdem von Innen betrachten. Als die br\u00fcnette, braun\u00e4ugige Schlankheitsk\u00f6nigin mit den unendlich langen Beinen sich zu ihm setzte, lief gerade passend dazu der Song \u201eHis banner over me is love\u201c von Francois Botes am Lenkrad bedienbaren CD-Radio. S\u00e4mtlicher Schmerz \u00fcber den Verlust seiner fr\u00fcheren Busenfreundin und Untermieterin Helen war verflogen, als Vera ihn freundschaftlich umarmend ein Bussi zum Abschied auf die Wange gab und in ihr rotes VW Golf Cabrio stieg. \u201eAch, bevor ich es vergesse, bei mir findet am Sonntag Nachmittag ein Chinagebetskreis statt. Kommst du vorbei?\u201c, lud ihn die alte Bekannte ein. Nat\u00fcrlich besuchte er sie am Wochenende in ihrer sch\u00f6nen, bereits abbezahlten Wohnung in Heumaden. Er hatte gerade in der Kassettenserie \u201eWie du deine Braut gewinnst\u201c von Joyce Hickey gelernt, dass Liebe eine Entscheidung unabh\u00e4ngig von den aus Kino und Fernsehen geformten Vorlieben ist. Viele Singles w\u00fcrden Gott in ihren Gedanken vorwerfen, dass er ihnen keinen Partner gegeben h\u00e4tte. Doch sp\u00e4ter bek\u00e4men sie im Himmel einmal eine besondere Filmvorf\u00fchrung mit einer anschaulichen besseren H\u00e4lfte, die sie blindlings abgelehnt haben. Dabei w\u00e4re der Heilige Geist in Gestalt des Knechts Elieser schon l\u00e4ngst mit der verschleierten Rebekka, beim auf dem Feld Ausschau haltenden Isaak, angekommen. Die Leute sollten ihren Verstand erneuern, indem sie auf die innere Sch\u00f6nheit des Herzens achten, anstelle eine Marilyn Monroe oder einen Richard Gere Kopie zu erwarten.<\/p>\n<p>Der Noch-Single-Traumprinz glaubte, einen Fehler in dem Freundschaftsseminar gefunden zu haben. Anstelle des ber\u00fchmten, blonden und blau\u00e4ugigen Sexsymbols h\u00e4tte die br\u00fcnette, braun\u00e4ugige Pretty Woman Julia Roberts genannt werden m\u00fcssen, dachte er jedenfalls zun\u00e4chst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan fragte sich, ob die Einladung von Vera f\u00fcr den Chinagebetskreis nicht wieder ein Wink mit dem Zaunpfahl war, als er an der Eingangst\u00fcr klingelte. Warum hatte er sie nach langer Zeit wieder zuf\u00e4llig getroffen? Sollte das symphatische schw\u00e4bische M\u00e4del etwa ein Auge auf ihn geworfen haben? Als Jonathan Vera zum ersten Mal bei der Leichtathletik WM traf, dachte er sich sofort: Diese Frau w\u00fcrde ich sofort heiraten. Er ging dem Gedanken nur nicht weiter nach, weil sie sieben Jahre \u00e4lter als er war, und er sich so einen hohen Altersunterschied nicht vorstellen konnte.<\/p>\n<p>In der Heumadener Dreizimmerwohnung von Vera wurde Jonathan zun\u00e4chst von einer anderen alten Bekannten, die an die T\u00fcr trat, begr\u00fc\u00dft. Reinhild Scheu war zugegen. Die Badeerinnerungen aus dem Albanienurlaub wurden wieder wach ger\u00fcttelt, als er ihr die H\u00e4nde sch\u00fcttelnd entgegentrat. Was f\u00fcr eine samtige, zarte Haut, da in seiner Hand lag. Am Liebsten h\u00e4tte er sie noch l\u00e4nger betastet.<\/p>\n<p>Die Attraktion des Meetings klingelte an der T\u00fcr, und ein schlauer Chinese, den Jonathan auf Mitte 40 sch\u00e4tzte, trat ein. Sein Vortrag handelte nat\u00fcrlich \u00fcber China. Ein Abenteuer jagte das n\u00e4chste, ein Zeichen folgte dem n\u00e4chsten Wunder in seiner Erz\u00e4hlung. Er bekam den Namen \u201eHimmelsb\u00fcrger Diao\u201c, weil zwei Engel ihn ohne Schl\u00fcssel aus einem chinesischen Gef\u00e4ngnis herausgef\u00fchrt haben sollen. Er wurde dort jahrelang festgehalten und erlebte die \u00fcbernat\u00fcrliche Befreiung, nach einer langen vierzigt\u00e4gigen Fastenzeit. Als er in die ungl\u00e4ubigen Gesichter blickte, untermauerte er seine Behauptungen, indem er seinen Oberk\u00f6rper freimachte. Er konnte zu jeder Narbe und Verletzung eine besondere Geschichte erz\u00e4hlen. An einem Tag w\u00e4re er sogar von einem Erschie\u00dfungskommando mit sieben Kugeln am Oberk\u00f6rper getroffen worden. Er zeigte sieben kleine rote Narben auf seiner Brust, von denen jede wie ein Storchenbiss aussahen. Jonathan wusste immer noch nicht, ob er diese Sache glauben sollte. Er erinnerte sich an ein Bekenntnis des bekannten asiatischen Pastors Benny Cho, in dem er \u00f6ffentlich Bu\u00dfe f\u00fcr seinen Hang zu \u00dcbertreibungen tat. David Diao fuhr mit einer Jonathan bestens bekannten Schriftstelle fort. Dann betete ich: \u201eKeine Waffe, die sich gegen mich erhebt wird Erfolg haben, und jede Zunge, die mich vor Gericht schuldig spricht, werde ich verdammen.\u201c Dadurch konnten die Kugeln ihm nichts Schlimmes anhaben. Eine Gebetszeit wurde eingel\u00e4utet. Die vier abwechselnd stehend, oder auf einem Stuhl im Kreis Sitzenden, fassten sich an den H\u00e4nden und beteten drei Stunden am St\u00fcck. Jonathan h\u00e4tte diese Ausdauer fordernde Zeit nicht durchgehalten, wenn er nicht andauernd neben sich Veras und Reinhilds H\u00e4nde gesp\u00fcrt h\u00e4tte. Ein so starkes und anhaltendes Gebet, das der Chinese anleitete, hatte Jonathan noch nie erlebt. Der himmlische Diao erkl\u00e4rte, dass sich die verfolgte Untergrundgemeinde in den l\u00e4ndlichen Gebieten trifft, um oft tagelang f\u00fcr die gefolterten Geschwister in den Konzentrationscamps zu beten. Er h\u00e4tte immer noch zahlreiche Freunde, die in Umerziehungslagern und Gef\u00e4ngnissen aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus geknechtet werden. Ein Nachfolger Jesu solle in seinen Gebeten nicht immer an sich selbst und seinen Wohlstand denken, sondern in F\u00fcrbitte f\u00fcr die weltweit verfolgten Christen eintreten. An den bewundernden Blicken von Vera konnte Jonathan erkennen, dass sie sich in David verliebte. Das fand er nicht einmal schlecht, da er sich gerade in die wie Sharon Tate, das Fotomodell, aussehende Reinhild verguckt hatte. David Diao erz\u00e4hlte, dass er an Ostern anl\u00e4sslich einer gro\u00dfen christlichen Konferenz in L\u00fcdenscheid, weiter von seinen Gotteserfahrungen berichten wird und lud alle ein mitzukommen. Vera lie\u00df sich nicht zweimal bitten, und Reinhild war auch gleich mit dabei. In seinem menschlichen Uneigennutz, brauchte sich Jonathan gar nicht zu fragen, ob er mit will oder nicht. Der Autoexperte schlug vor, alle in seinem nagelneuen Vectra mitzunehmen. Das Angebot wurde sogleich dankbar angenommen und war f\u00fcr die um die Ecke wohnenden Reinhild der Anlass, ihn um eine weitere Gef\u00e4lligkeit bei ihr zu Hause zu bitten. Sie zeigte ihm ihr in der Doppelgarage stehenden goldmetallischen BMW Z3 M-Roadster, dessen eingerastetes Lenkradschloss, sie wegen der mehrmals ausgel\u00f6sten Alarmanlage nicht zu \u00f6ffnen wagte, und dessen nicht funktionierende Armaturenbeleuchtung scheinbar eine neue Sicherung ben\u00f6tigte. Der schl\u00fcsselr\u00fcttelnde Technikexperte fand schnell heraus, dass die Fabrikantentochter lediglich den Beleuchtungs-Dimmer zu schwach eingestellt hatte, und daraufhin erkl\u00e4rte er die Funktionsweise des Diebstahlwarnsystems. Hinter dem Lenkrad sitzend nahm Jonathan gerne die Einladung an, die von 321 Pferden angetriebene, rundliche Coupe-Kutsche zur Sillenbucher Eisdiele zu bewegen. Am Parkplatz einbiegend gab der Sportwagenfahrer st\u00e4rker Gas, um den brummenden Sound aus der vierr\u00f6hrigen Auspuffanlage ert\u00f6nen zu lassen und seine Beifahrerin ein letztes Mal in die Schalensitze zu dr\u00fccken. Dabei erschreckte er einen aus seinem Mercedes steigenden, symphatischen \u00e4lteren Herrn. \u201eDu hasch dr F\u00fchrerschei wohl in Afrika bei dr Fremdelegion gmacht\u201c, war der Kommentar des witzigen Nostalgie-B\u00fcrgermeisters. Beim Schlecken der Coppa Dolomiti ergaben sich weitere interessante drei zwei eins \u00dcberkreuzgespr\u00e4che mit dem Ritter und Kommandeur der Ehrenlegion Manfred Rommel.<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt zeigte sich der f\u00fcrsorgliche Lichtexperte gerne bereit, in das Heumadener Reiheneckhaus mitzukommen, um eine nicht mehr funktionierende Halogendeckenlampe zu reparieren, die nur ein kleines Kontaktproblem hatte. Der Volksbank-Immobilienexperte, der Exposes und Besichtigungsprotokolle anfertigte, sch\u00e4tzte den geschmackvoll eingerichtete Neubau auf einen Wert von einer Million D-Mark. Damit traf er exakt den Kaufpreis, den die vielleicht zuk\u00fcnftigen Schwiegereltern, die unangek\u00fcndigt an der T\u00fcr klingelten, vor einem Jahr daf\u00fcr bezahlt hatten. Der scheuen Reinhild war es peinlich, dass Jonathan und der Konservendosen herstellende Vater sich bei einem Stuttgarter Hofbr\u00e4u Export und Salzstangen gleich beim ersten Kennenlernen eine Stunde lang \u00fcber das Bank- und Kreditwesen austauschten. Der Papa Bernd war immer ungl\u00fccklich, dass das Einzelkind nicht in seine Fu\u00dfstapfen treten wollte und freute sich dar\u00fcber, in Fischer einen m\u00f6glichen Nachfolger an Land gezogen zu haben. Die einen attraktiven braungebrannten K\u00f6rper aufweisende Mutter Sonja zerbrach sich den Kopf dar\u00fcber, wo sie Jonathan schon n\u00e4her gekommen sei. Nach langem hin und her kl\u00e4rte er die Preisskat Spielende dar\u00fcber auf, dass sie schon in der vernebelten Sauna des Filderado nicht begriffen haben, wo ihr erster Kontakt zustande gekommen war. In der Tat hatte er die \u00e4u\u00dferlich jung gebliebene Mama Scheu mehrmals im Fasanenhof beschnuppert und au\u00dfer Karten auch eine Partie Freiluftschach mit ihr gespielt. Nachdem man sich wieder erw\u00e4rmt hatte, verabschiedete sich Jonathan von allen Beteiligten mit einem hochroten Kopf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg fand der viele Z\u00fcge voraus rechnende Denker die Idee lustig, dass die aufr\u00e4umende Ingenieurin des Stuttgarter Abfallwirtschaftsbetrieb den, in seinem chinesischen Umwelttechnologie-Studium wegen Rausschmiss erfolglosen Prediger heiraten sollte. Denn er w\u00fcrde als Internationaler Schachmeister und cleverer Banker besser zur gleichaltrigen Zahn\u00e4rztin und Million\u00e4rin passen. Und AWG (- alle werden gl\u00fccklich -:) wie der Werbespruch eines Textilunternehmens lautet. Tats\u00e4chlich w\u00fcrden einmal die Hochzeitsglocken f\u00fcr alle vier ert\u00f6nen.<\/p>\n<p>Bei Vera, die ihren David w\u00e4hrend der karfreit\u00e4glichen, vierst\u00fcndigen Autobahnfahrt pausenlos auf der R\u00fcckbank anhimmelte, dauerte das zweisame Gl\u00fcck nicht lange. In L\u00fcdenscheid angekommen, konnte man sie interessiert Hand in Hand an den St\u00e4nden der weltweit t\u00e4tigen Missionsgesellschaften vorbei schl\u00e4ndern sehen. Die Beifahrerin Reinhild und ihr Lenker Jonathan, die nach M\u00e4nnern und Frauen getrennt auf einer Isomatte in Turnhallen \u00fcbernachteten, lie\u00dfen sich zun\u00e4chst mehr Zeit, einander n\u00e4her zu kommen. Bei einem gemeinsamen Abendessen berichteten die drei Teilnehmer der Albanienreise dem wundergl\u00e4ubigen David, die spannenden Erlebnisse ihrer Reise. Die blau\u00e4ugige Blondine gestand Jonathan bei einem letzten Schw\u00e4tzchen vor dem Schlafen gehen, dass sie ihn ganz besonders gern hat. Sie bewunderte ihn in erster Linie, als er sie auf der Gebirgsstrasse im Kofferraum so vehement vor den vermeintlichen Angriffen der Polizei sch\u00fctzen wollte.<\/p>\n<p>An jedem Tag \u00fcber die Osterfeiertage gab es drei Gottesdienste mit verschiedenen Rednern. Jonathan hatte noch nie Frauen so herzergreifend und bewegend predigen h\u00f6ren, wie Heidi Hatting, Jackie Baker und Suzette Pullinger, die in christlichen Kreisen weltber\u00fchmt waren. Auch David Diao riss seine Zuh\u00f6rer mit, was Jonathan jedoch nicht ganz so spannend empfand, weil er die Geschichten ja bereits kannte. Der Hauptredner Walter Cunningham von der Jugend- und Missionsgesellschaft machte von sich reden, weil er die unglaubliche Vision hatte, dass tausende von Jugendlichen das Evangelium von Jesus Christus in die Mongolei bringen. Er h\u00e4tte den Weg schon vorbereitet, indem er ein riesiges Konzert in der W\u00fcste Gobi mit einer Himmelsmusik-Band namens Tengerin Do vor unz\u00e4hligen anwesenden Engeln abgehalten h\u00e4tte. Jonathan beeindruckte noch mehr, von den gewichtigen Hilfsg\u00fcterlieferungen in das arme Land zu erfahren. Ein Freund Davids durfte am Mikrofon vor den 4000 meist jugendlichen Konferenzteilnehmern sprechen. Er hie\u00df Andrew Taylor, war 70 Jahre alt, und ungeheuerlich respektiert als Gr\u00fcnder eines Hilfswerks f\u00fcr weltweit verfolgte Christen. Er hatte daf\u00fcr gesorgt, dass David in Deutschland politisches Asyl bekam. Der Brite Brother Andrew nannte sein Missionswerk Esel f\u00fcr Jesus-Dienste und erl\u00e4uterte warum. Das einzige S\u00e4ugetier nach dem Jesus verlangt h\u00e4tte, w\u00e4re ein kleiner Esel gewesen auf dem er an Palmsonntag in Jerusalem einritt. Die Zuh\u00f6rer sollten sich deshalb nicht so st\u00f6rrisch verhalten und das Wort Gottes, das laut dem Johannesevangelium ein Synonym f\u00fcr Jesus sei, nach China hinein schmuggeln. Bruder Andrew wurde auch Schmuggler Gottes genannt, weil er es durch eine Aktion schaffte, eine riesige Schiffsladung von Bibeln unbemerkt von den Beh\u00f6rden ins chinesische Festland zu bringen. Er bezeugte, dass es zwar riskant, aber auch lohnenswert sei den Esel zu spielen. Vor 14 Jahren w\u00e4re er in Rum\u00e4nien f\u00fcr ein Jahr ins Gef\u00e4ngnis geworfen worden, weil er als Fahrer einen Lastwagen mit verbotenen Bibeln hineinbringen wollte. Nach einem Jahr h\u00e4tte ihn die Premierministerin Margret Thatcher h\u00f6chstpers\u00f6nlich aus seinem Gef\u00e4ngnis, anl\u00e4sslich eines Staatsbesuchs bei Ceausescu in Bukarest, befreit. Durch die Inhaftierung w\u00e4re sein Dienst \u00fcberproportional stark gewachsen, da sein Name w\u00f6chentlich in der Zeitung erschien und sich die Gelegenheit ergab, eine Reportage mit der BBC zu drehen. In den darauf folgenden Jahren h\u00e4tte er die gro\u00dfe christliche Erweckungsgemeinde in Hongkong aufgebaut und sowohl Kantonesisch als auch Mandarin gelernt. Die Einfachheit der chinesischen Sprache untermauerte er, indem er die Versammlung zum Singen chinesische Lobpreislieder animierte, und er den Zuh\u00f6rern beibrachte, wie Jesus liebt dich auf Mandarin ausgesprochen wird. Am Ende der Predigt fragte er in einem Appell, wer einen Ruf nach China versp\u00fcrt und betete f\u00fcr jeden Einzelnen, der sich per Handzeichen gemeldet hatte. Reinhild und Jonathan waren die zwei Letzten, denen er segnend die H\u00e4nde auf den Kopf legte, und somit wurde die Osterkonferenz beendet.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt von L\u00fcdenscheid nach Stuttgart begann Jonathan durch seine vielen im Auto gestellten Fragen \u00fcber Taylor, den lieber mit Vera flirten wollenden David zu nerven. Die st\u00f6rrische Reinhild klinkte sich auch in das Gespr\u00e4ch \u00fcber den Eselsdienst ein und das Reiseziel f\u00fcr den n\u00e4chsten Sommerurlaub stand fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan und Reinhild hatten f\u00fcr die dreiw\u00f6chigen Sommerferien den g\u00fcnstigsten Flug mit China Airlines von Frankfurt nach Hongkong gebucht. Der sparsame Banker Jonathan lernte, dass nicht immer nur der Preis, sondern auch die gesamte Flugzeit inklusive Zwischenstops f\u00fcr das seelische Wohlbefinden entscheidend ist. Sie flogen \u00fcber Kuala Lumpur nach Taipeh und kamen von dort nach dreiundzwanzig strapazi\u00f6sen Stunden in Hongkong an. Die Schwarzenegger- und Cruise-Weltenretter-Flugzeugfilme rissen Jonathan genauso wenig vom Hocker, wie der mehrfach ausgezeichnete Liebesfilm \u201eHappy Together\u201c, der ihn mehr an die r\u00f6mischen Soldaten seiner USA Reise erinnerte, anstelle lustvolle Gef\u00fchle f\u00fcr China zu wecken. Da man allem etwas Gutes abgewinnen soll, konnte Jonathan und Reinhild jetzt immerhin beanspruchen auch in Kuala Lumpur\/Malaysia und Taipeh\/Taiwan gewesen zu sein. In Hongkong k\u00fcndigte der Kapit\u00e4n einer der unsichersten Fluggesellschaften der Welt, zu Jonathans ehemaligen Hobby passend, den ber\u00fcchtigten Checkerboard-Anflug an und schaffte es irgendwie, \u00fcber zahlreiche Wolkenkratzer in den Viktoria Hafen einzuschweben. Am Kai Tak Flughafen holte sie gl\u00fccklicherweise ein deutscher Angestellter ab, der Peter Anrich hie\u00df, und den Jonathan irgendwo schon mal gesehen hatte. Peter war die Rettung f\u00fcr die beiden, denn bei den vielen fremden Schriftzeichen war es nicht einfach, den Weg mit Bus und Bahn zu ihrer ersten Herberge in Fan Ling zu finden. Jonathan wohnte gemeinsam mit Peter in dessen Zweizimmerwohnung, und Reinhild bekam einen Raum im nahe gelegenen sogenannten Schmugglerhaus zugewiesen. Nachdem sich das Paar vom Jetlag erholt hatte, verbrachten sie eine gemeinsame Zeit im Freibad des n\u00f6rdlichen Stadtteils. Reinhild konnte mit ihrem perfekten Frauenk\u00f6rper schneller kraulen als Jonathan, der Brustschwimmen bevorzugte. Beim Anblick von Reinhilds Bikini Body erinnerte sich Jonathan an das Modell auf dem Verkaufsprospekt der SDK-Auslandskrankenversicherung, die sie vorsorglich abgeschlossen hatten. Es wurde ihm im Gesch\u00e4ft einmal peinlich, als er das \u00fcbergro\u00dfe Bild auf dem Prospektst\u00e4nder bei seiner Volksbank l\u00e4nger betrachtete. Und nun wurden wieder Hormone \u00fcber Hormone in seinem K\u00f6rper ausgesch\u00fcttet, dass er innerlich vor Verlangen schier zu zerschmelzen drohte. Das blieb nicht nur vor dem himmlischen Vater unverh\u00fcllt, sondern auch der unangek\u00fcndigt hinzugekommene Peter Anrich konnte diese Liebesanwandlungen wahrnehmen. Peter fragte die Zwei wie sie sich kennengelernt hatten und wollte wissen, ob es dem himmlischen Diao gut geht. Er war erfreut zu h\u00f6ren, dass David sich in Rekordzeit verlobt hat und dabei ist, gemeinsam mit Vera, eine neue evangelische Freikirche in Stuttgart aufzubauen. Peter riet den Turteltauben, weiter eine sch\u00f6ne gemeinsamen Zeit zu verbringen und sich zu erholen, denn am n\u00e4chsten Tag ben\u00f6tigte er sie f\u00fcr einen flotten Postzustellungsauftrag.<\/p>\n<p>Am Abend lie\u00df sich der neugierige Jonathan erste Informationen \u00fcber den kommenden Arbeitseinsatz von Peter geben. Jonathan h\u00f6rte sich gerade das Lied \u201eLight the fire again\u201c mit dem S\u00e4nger Brian Doerkson von Vineyard Music auf seinem miniDisc Player von Sony an. Peter bekam den Eindruck, dass Jonathan vor dem Einschlafen eine Kassette auf seinem Walkman anh\u00f6ren sollte, und so wechselnden die kleinen Wiedergabeger\u00e4te die Besitzer. Jonathan wohnte in einem kleinen Zimmer mit einem Moskittoschutzfenster in dem die zwei Doppelstockbetten und der Schrank kaum Platz hatten. Er lag alleine auf dem unteren Teil eines der Betten und lauschte der Predigt zu. Die Aufnahme wurde anl\u00e4sslich einer gro\u00dfen Konferenz f\u00fcr Singles aufgenommen, und der von seiner Scheidung sprechende Lester Murdock erkl\u00e4rte, dass wenn man im negativen Sinn alone &#8211; alleine ist, das positiv gesehen als all in one \u2013 alles in einem zu interpretieren ist. Das Wortspiel ins Deutsche \u00fcbertragen ist man nicht alleine, sondern alles in einem. Jonathan hatte das nie so empfunden, denn sein gr\u00f6\u00dfter Wunsch und Traum war, eine Frau zu bekommen und zu heiraten. In den kleinen St\u00f6pseln des Ohrh\u00f6rers begann Musik zu erklingen. Lester Murdock spielte am Fl\u00fcgel und sang dazu die Worte: \u201eI\u00b4m in love, I\u00b4m in love, sweet Holy Spirit I\u00b4m in love.\u201c Jonathan wurde an seinen Englandaufenthalt erinnert und bekam auch ohne Hormonaussch\u00fcttungen die sch\u00f6nsten Gef\u00fchle. Der viel begabte S\u00e4nger fuhr fort, es gebe einen Mann der zum sp\u00e4teren Zeitpunkt den Mitschnitt anh\u00f6rt und f\u00fcr den eine T\u00fcr zugeht. Er denke es handelt sich um eine vor kurzem begonnene Freundschaft. Dieser Mann sollte nicht traurig sein, weil die Frau nicht f\u00fcr ihn, sondern f\u00fcr seinen Freund gedacht w\u00e4re. Jonathan versuchte schnell weiter zu spulen, doch die Kassette war sowieso am Ende angelangt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen trafen sich Reinhild, Peter und Jonathan im Schmugglerhaus. Es war palettenweise mit Bibeln, christlichen B\u00fcchern und Prospektmaterial gef\u00fcllt. Peter zeigte ihnen eine vierseitige von deutschen Gesch\u00e4ftsleuten des vollen Evangeliums gesponserte Werbung, mit deren Hilfe die g\u00f6ttliche Inspiration der Bibel und der Glaube an Jesus Christus erkl\u00e4rt wurde. Diese wollten sie in den umliegenden Hochh\u00e4usern und Gebieten verteilen. Der 99-j\u00e4hrige Pachtvertrag zwischen England und China lief aus, so dass Verbote f\u00fcr derartige Evangelisationsmethoden zu erwarten waren. Viele Christen wanderten darum aus Angst von Hongkong in den Westen aus. Das einzige Problem, das sich beim Prospekt verteilen ergab war, dass man an den Pf\u00f6rtnern bzw. Hausmeistern der Wolkenkratzer vorbeikommen musste und das Material unter deren Beobachtung nicht in die Briefk\u00e4sten einwerfen konnte. Jonathan hatte seinen Hugo Boss Anzug und Krawatte angezogen und versteckte die Flyer in einer Aktentasche. Jede Wohnungst\u00fcr in dem zwanzig st\u00f6ckigen Scharoun-Architekturnachbau wurde best\u00fcckt. Wenn ihn jemand ansprach verbeugte er sich und sagte Jesu ei ni, was ihm Andrew Taylor in L\u00fcdenscheid beigebracht hatte. Peter empfahl, dass Reinhild mit ihm in das Nachbarhochhaus mitkommen soll, da sie als Frau gef\u00e4hrdeter sei und kein Kantonesisch sprach. In der Tat war die Sprache mit den sechs verschiedenen Lauten \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnlich. Anrich beherrschte sie ganz gut, weil er ein Jahr lang als gelernter Arzt bei Suzette Pullinger in einer Drogenentzugsklinik und einem Nachsorgehaus in der benachbarten portugiesischen Kolonie Macao mitgearbeitet hat. Nach drei Tagen waren die Hochh\u00e4user best\u00fcckt und die drei beschlossen, in die l\u00e4ndlichen Ortschaften der New Territories (neuen Gebiete) zu gehen. Jonathan h\u00e4tte nicht gedacht, dass es in Hongkong landwirtschaftliche Betriebe gibt, die ihn an seine geliebte Schwarzwaldverwandtschaft erinnern. Die Schweine stanken nicht nur m\u00e4chtig, sondern grunzten auch lautstark. Peter erkl\u00e4rte seinen deutschen Landsleuten, dass es in China Tradition ist, bei der \u00dcbergabe einer Sache immer beide H\u00e4nde zu benutzen und sich zu verneigen. Dem Empf\u00e4nger soll dadurch die Sorge genommen werden, dass sich irgendwo ein verstecktes Briefmesser befindet.<\/p>\n<p>\u00dcberall streunten Hunde herum und bellten sie lautstark an. Jonathan wusste, dass diese Tiere die Furcht von Menschen anhand ihrer Schwei\u00dfausbr\u00fcche riechen k\u00f6nnen und verhielt sich deshalb cool. Bei Reinhild sah die Sache anders aus, denn sie war wegen ihrer Albanienerfahrung zutiefst ver\u00e4ngstigt. Sie traute Jonathan nicht zu, sie nochmals zu besch\u00fctzen und wollte darum in das Schmugglerhaus heimkehren. Der Aufseher Peter schlug statt dessen vor, dass er und Reinhild in die kleinere Ortschaft zur\u00fcckgehen, um dort die H\u00e4user abzuklappern. Jonathan wollte lieber einen vier Kilometer langen Rundweg, der an den kleinen Bauernh\u00e4usern vorbei f\u00fchrte, zu Ende gehen. Er hatte einen ausgezeichneten Orientierungssinn, den er zur Schau stellen wollte, indem er die Landkarte schnappte und seines Weges ging. Neben einem verr\u00e4ucherten, vernebelten, buddhistischen Friedhof h\u00e4tte er nie im Leben erwartet, einen Rolls Royce Phantom zu finden. Hongkong ist eine Stadt der Reichen, aber dieser Schrotthaufen war ein ausgemustertes Autowrack. Schade, dachte sich Jonathan, es ist doch ein k\u00f6nigliches Auto. Weniger k\u00f6niglich f\u00fchlte er sich beim Anblick der n\u00e4chsten Hundemeute. Diesmal waren die Exemplare gr\u00f6\u00dfer, und dass er alleine war, schien sich nicht f\u00f6rderlich auszuwirken. Die Biester sp\u00fcrten, dass er Angst bekam und fingen knurrend an, ein St\u00fcck von seinem Hosenbein abzureisen. \u201eKeine Waffe und kein Hund, der gegen mich angeht, wird Erfolg haben\u201c, proklamierte Jonathan und danach sprach er aus: \u201eIch bin verliebt in dich, viel geliebter Heiliger Geist\u201c, denn die Tiere mit den scharfen Z\u00e4hnen und dem weichen Fell lie\u00dfen sich pl\u00f6tzlich von ihm streicheln. Der Besitzer war hinzugekommen und nahm dankbar eine Brosch\u00fcre entgegen. In solchen Momenten genie\u00dfen Evangelisten ihr Leben. Die drei Fragezeichen Detektive trafen sich wie vereinbart an einer Bushaltestelle und kehrten nach der getanen Arbeit zufrieden in ihre Quartiere zur\u00fcck. Eine Gruppe von drei australischen M\u00e4nnern hatte sich im Zimmer von Jonathan einquartiert und wollte ihnen behilflich sein. Jonathan war gespannt, wie die Kirche aussieht, als der Sonntag gekommen war. Die Erweckungsgemeinde traf sich in einem umgebauten Theater, das die gleichen roten Klappsamtsitze wie die Gemeinde des K\u00f6nigs in Ramsgate besa\u00df. Andrew Taylor predigte \u00fcber das Heiligtum, das Mose in der W\u00fcste aufbaute. Jonathan erinnerte sich daran, dass er als Junge die ausf\u00fchrlichen Beschreibungen dar\u00fcber in der Thora \u00fcberhaupt nicht verstand und \u00e4u\u00dferst gelangweilt \u00fcberflog. Anhand der Erl\u00e4uterungen \u00fcber den Brandopferalter, das Waschbecken, den siebenarmigen Leuchter, den Schaubrottisch, den R\u00e4ucheraltar und der Bundeslade erkannte er, dass die katholischen Kirchengeb\u00e4ude fast identisch aufgebaut waren. Das faszinierte ihn. H\u00e4tte er doch im Religionsunterricht bei Pfarrer Hermann Benz besser aufgepasst, anstelle unter dem Tisch Schachprobleme zu l\u00f6sen. Bruder Andrew fuhr fort zu erz\u00e4hlen, dass David und seine M\u00e4nner von K\u00f6nig Saul verfolgt wurden und bei den Priestern der Stiftsh\u00fctte Zuflucht fanden. Diese h\u00e4tten den M\u00e4nnern von den bitteren Schaubroten zu essen gegeben und w\u00e4ren kurze Zeit sp\u00e4ter f\u00fcr diese Hilfeleistung von Davids Feinden umgebracht worden. Selbst der Herr Jesus w\u00fcrde sich im neuen Testament auf diese Stelle beziehen. Er sagte den westlichen Besuchern, sie sollten sich nicht wundern, wenn sie als Esel f\u00fcr Jesus von der chinesischen Geheimpolizei verfolgt werden. Dies w\u00e4re nur ein Beweis daf\u00fcr, Tischgemeinschaft mit dem Leib des Herrn zu haben. Jonathan bef\u00fcrchtete: \u201eDas kann ja heiter werden\u201c, denn am Montag hatten sie eine zweiw\u00f6chige Reise ins Landesinnere von China gebucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Reisegruppe bestand aus den drei Deutschen und den, von Darlene Zschech schw\u00e4rmenden, der Hillsong Church in Sydney angeh\u00f6renden Gemeindemitgliedern. Sie trafen sich im Schmugglerhaus und mischten viele Bibeln in ihr zahlreiches schweres Gep\u00e4ck. Vor der Grenzkontrolle an der durch einen Fluss von Hongkong getrennten Millionenstadt Shenzhen vereinzelte sich die Gruppe, so dass nicht alle aufflogen, falls einer mit den Bibeln bei der Kontrolle durch die Scanmaschine entdeckt w\u00fcrde. Alles verlief gut und die Weiterfahrt vom Bahnhof in Shenzhen in den s\u00fcdwestlich gelegenen Teil Chinas konnte starten. Peter hatte den Teilnehmern vor der Zugfahrt eingetrichtert, dass sie nie in der \u00d6ffentlichkeit das Wort Bibel oder Jesus aussprechen d\u00fcrfen, weil sie sonst von den Spitzeln der Geheimpolizei entdeckt w\u00fcrden. Nach 14 Stunden waren sie in einem wundersch\u00f6nen Tal angekommen. Sie besuchten eine deutsche Missionarin namens Karin Dagmar, deren Namen und genauer Ort aus Sicherheitsgr\u00fcnden ver\u00e4ndert wurde. Karin unterhielt ein Waisenhaus und k\u00fcmmerte sich um die medizinische Versorgung von notleidenden Menschen. Doktor Reinhild hatte ihren obligatorischen Koffer mit viel Zahnb\u00fcrsten, viel Zahnpasta und zu wenig zahn\u00e4rztlichen Ger\u00e4ten mitgebracht. Die Kinder des hochgelegenen tropischen Tals versammelten sich, um eine humorvolle Vorf\u00fchrung von Peter \u00fcber das Z\u00e4hneputzen zu erhalten. Dann konnte das Gelernte in wei\u00dfen Schaum umgesetzt werden. Eine kleine notd\u00fcrftige Praxis wurde in einem der Steinh\u00e4user eingerichtet, in der Reinhild alle H\u00e4nde voll zu tun hatte. Viele der Kinderz\u00e4hne waren verfault und mussten gezogen werden. Als Reinhild dachte, endlich zu einer Verschnaufpause zu kommen, meldeten sich die erwachsenen Einwohner. Die Angereisten wurden immer wieder umarmt und erfuhren in ihren Privatquartieren eine noch nie erlebte Gastfreundschaft. Das wenige, das dieser Volksstamm an Essen oder Kleidung zu bieten hatte, wurde an die Besucher weiter geschenkt. Teilweise teilten sich in den Familien vier Leute ein Bett, das jetzt f\u00fcr die G\u00e4ste zur Verf\u00fcgung gestellt wurde. Reinhild und Jonathan lachten, als sie die Landestrachten anzogen, um ein lustiges Bild festzuhalten. Jonathan dachte sich, dass er dieses auf die Vorderseite des Einladungsschreibens zu seiner Hochzeit nimmt. Es wunderte Jonathan nicht, dass auch Peter ein gemeinsames Bild mit der wie ein Fotomodell aussehenden Berufskollegin haben wollte. Dr. Peter Anrich hatte m\u00e4chtig viel zu tun, da er nicht nur im medizinischen Bereich behilflich war, sondern s\u00e4mtliche Sprach\u00fcbersetzungen erledigen musste. Es ergaben sich viele am\u00fcsante Schwierigkeiten, wie beispielsweise, als die Australier mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen versuchten verst\u00e4ndlich zu machen, dass sie die Toilette suchten. Es gab in dem Sinn keine Toilette, was als gr\u00f6\u00dfte Entbehrung von jedem empfunden wurde.<\/p>\n<p>Der einw\u00f6chige Aufenthalt ging wie im Flug vorbei, so dass sich die Gruppe zu einem neuen Ziel begab. Der L\u00f6wenanteil der mitgef\u00fchrten Bibeln sollte an einem entlegenen Landwirtschaftsanwesen an chinesische Leiter der Untergrundgemeinde \u00fcbergeben werden. Den letzten Teil der Reise mussten die sechs Touristen, um kein Aufsehen zu erregen, verborgen im Laderaum eines scheinbar ungefederten Lieferwagens zur\u00fccklegen. Aufgrund ihres Aussehens und ihrer Gr\u00f6\u00dfe, w\u00e4ren sie sonst unter den kleineren Schlitzaugen zu leicht aufgefallen. Peter erz\u00e4hlte, dass er einmal in einem Sarg eines Leichenwagens eingeschlafen w\u00e4re, weil er gut getarnt an einen weit entfernten Bestimmungsort gefahren wurde. Dieser wie unter Doping stehender Peter war ein besonders leidenschaftlicher Mann Gottes. Sein Vater Peter-Christoph Anrich war ebenfalls Mediziner und leitete als Professor Doktor die Sportklinik in Freiburg. Der Golf spielende Peter Senior nannte den zun\u00e4chst auf gleichem Terrain wandelnden Sohn nicht Peter, sondern wie in der Geburtsurkunde stehend Martin. Genau gesagt hie\u00df der feurige Evangelist n\u00e4mlich Martin Peter Anrich. Er wurde auf einem seiner vielen Transportdienste verhaftet, einen Monat ins Gef\u00e4ngnis gesteckt, registriert und des Landes verwiesen. Daraufhin kehrte Martin Peter an seinen Deutschlandwohnsitz nach Filderstadt zur\u00fcck und lie\u00df bei einer netten Frau Julia R\u00fcger im B\u00fcrgeramt Bernhausen seine Vornamen in seinen Ausweisen umdrehen. Er behauptete in einer Notl\u00fcge, bevorzugt mit dem zweiten Namen angesprochen zu werden. Auf den Schlich, seinen Rufnamen zu wechseln und einen neuen Reisepass zu beantragen, war die Geheimpolizei in China noch nicht gekommen. Doch wie bei der Stasi versuchte dieses totalit\u00e4re \u00dcberwachungsorgan \u00fcberall die Augen zu haben und seine zahlreichen Spitzel an alle Orte hinzuschicken. Als Jonathan diese Geschichte h\u00f6rte wurde ihm auf einmal klar woher er Martin Anrich kannte. Das Schicksal f\u00fchrte die beiden in Jonathans schwierigster Lebensphase zusammen. Denn Dr. Martin Anrich hatte ihm nach seiner Reise in die Schweiz, den Tumor erfolgreich aus dem Oberkiefer heraus operiert. L\u00e4chelnd best\u00e4tigte dies das Schlitzohr Martin Peter, der bescheiden behauptete, dass er gegen\u00fcber seiner Berufsgenossin Dr. Scheu nicht damit angeben wollte Oberarzt im Katharinenhospital gewesen zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im aufstrebenden Arbeiter- und Bauernstaat gab es tats\u00e4chlich landwirschaftliche Anwesen mit bettelarmen Leuten, und nicht nur die Jonathan bekannten Reiseschecks wechselnden Million\u00e4re, die es laut Karl Marx eigentlich nicht geben durfte. Es war kein Wunder, dass die Leiter der verbotenen Kirchenbewegungen am Bestimmungsort das reiche westliche Team mit der kostbaren Literatur aufs Herzlichste empfingen. In China gab es ein System, in dem es erlaubt war, in die vom Staat kontrollierte Dreiselbstkirche zu gehen oder eine Bibel k\u00e4uflich zu erwerben. In der Praxis wurden die Hausgemeinden jedoch bis aufs Blut verfolgt und aus Respektlosigkeit selbst katholische Erzbisch\u00f6fe wie der Deutsche M\u00e4rtyrer Cyrillus Jarre inhaftiert und gefoltert. Jonathan lernte durch die Berichte von Martin Peter sehr viel \u00fcber die Vergangenheit des Reichs der Mitte dazu. Die gr\u00f6\u00dfte Lektion sollte er am n\u00e4chsten Morgen bei seinem l\u00e4ngsten, sieben Stunden dauernden Gottesdienst, erteilt bekommen. Jonathan begriff nun warum der himmlische Diao so unerm\u00fcdlich war. Die versammelten Gemeindeleiter beteten das Lamm Gottes auf dem Thron zwei Stunden lang in solcher starken Intensit\u00e4t an, dass auf einmal der Himmel auf Erden zu kommen schien. Die gesamte Versammlung wurde von einem Moment zum n\u00e4chsten von einer unsichtbaren Kraft umgeworfen. Jonathan lag etwa eine Stunde am Boden und hatte das selbe Traumgesicht wie in England. Auch Reinhild wurde total von der auf ihr ruhenden Kraft \u00fcberw\u00e4ltigt und geriet in eine Verz\u00fcckung nach der anderen, bis sie anfing wie eine Geb\u00e4hrende zu st\u00f6hnen. An Essen oder Trinken war in diesem Moment \u00fcberhaupt nicht zu denken. Die Versammlung begann abermals den Herrn zu preisen. Diesmal stimmten sieben Bl\u00e4ser in den Gesang mit ein, die eine Mischung aus einem James Last Orchester und dem WBB Brass Blechbl\u00e4serensemble vom W\u00fcrttembergischen Br\u00fcderbund waren, empfand Jonathan. Er hatte noch nie so eine gro\u00dfe Intensit\u00e4t der Begeisterung beim Musizieren und Singen von Kirchenliedern versp\u00fcrt. Es schien etwas in der Luft zu h\u00e4ngen, das sich entladen musste. Die sieben Trompeter hatten sieben S\u00e4ngerinnen zur Seite, die sich begannen, mit einem Solo nach dem anderen abzuwechseln. Da die Westler von dem Gesang \u00fcberhaupt nichts verstanden, \u00fcbersetzte Peter, dass sie mit ihren Zungen Feuer vom Himmel herab flehen sollten. Die etwa 240 Personen, die sich in der umfunktionierten Scheune versammelt hatten, begannen vor Begeisterung laut zu rufen, so dass Jonathan dachte, er bef\u00e4nde sich gerade bei dem Bundesligaspiel zwischen dem VfB Stuttgart und Bayern M\u00fcnchen bei dem J\u00fcrgen Klinsmann gerade sein ber\u00fchmtes Fallr\u00fcckzieher-Tor erzielt hat. Martin Peter behauptete in Mandarin und Deutsch, dass er durch seine geistigen Augen sehen k\u00f6nnte, wie Feuerzungen auf die einzelnen Menschen herniederkommen. Die Jesuskinder schrien noch lauter und Jonathan konnte kaum mehr sein eigenes Wort verstehen. Doch etwas hatte sich in der Tonlage der wie betrunken Wirkenden ver\u00e4ndert. In der Tat sprach und sang die zwischen Jonathan und Reinhild stehende chinesische Glaubensschwester Mirjam auf einmal in Deutsch. Jonathan konnte jedes Wort verstehen. Sie rezitierte die Anbetungsstellen der Offenbarung von A bis Z durch, und das Ganze wiederholte sich sogar sieben Mal. Diesmal w\u00fcrde Jonathan nicht fragen m\u00fcssen, ob sie der deutschen Sprache m\u00e4chtig ist, da sie keiner der Einheimischen beherrschte. Ferner traute er der Frau nicht zu, alles auswendig gelernt zu haben. Beim weiteren Zuh\u00f6ren erinnerte sich Jonathan an eine sch\u00f6ne Fahrt in den Petersdom nach Rom. Pfarrer Benz hatte organisiert, dass seine Sch\u00fcler eine Zeit ihres Schullandheimaufenthalts in Italien im Vatikan verbringen durften. Jonathan erinnerte sich an die gemeinsamen Rosenkranzgebete in der vatikanischen Basilika. Er hatte in seiner Wohnung ein besonderes Foto h\u00e4ngen, das er vom Dach der Petersbasilika aufgenommen hatte. Der Petersplatz mit seinen ovalen S\u00e4ulenb\u00f6gen und des alles dominierenden Obelisken in der Mitte war darauf zu sehen. Anstelle sich von seinen Erinnerungen weiter ablenken zu lassen, versank Jonathan selbst in Trance und gab sich total dem Fluss der Ereignisse hin. Die Zeit verging wie im Flug, denn es waren schon fast sieben Stunden um, als noch Au\u00dfergew\u00f6hnlicheres geschah. Reinhild fing auf einmal an, ohne es zu wollen, auf ihrem rechten Fu\u00df zu h\u00fcpfen. Dies geschah mit einem Schwung und einem Tempo, welches die nicht fassen k\u00f6nnenden Umstehenden veranlasste, auf der Stelle Platz zu machen. Scheu sprang wie das Rumpelstilzchen im Kreis herum, und als Jonathan genauer hinschaute erkannte er, dass sie von einer unsichtbaren Kraft gezogen wurde. Genauer betrachtet h\u00fcpfte sie nicht im Kreis, sondern es zeichnete sich deutlich ein Herz auf dem staubigen Boden ab. Der Gottesdienst schien sich in ein Kinderseilh\u00fcpfen verwandelt zu haben, als Martin Peter auf seinem linken Fu\u00df die selben Bewegungen nacheifern musste und dadurch ein zweites Herz auf dem Sandboden der Scheune entstand. Eine gewisse Eifersucht stellte sich bei Jonathan ein, und er versuchte das ganze nachzuahmen. Er konnte jedoch weder so schnell noch so lange h\u00fcpfen wie die zwei anderen. Die chinesische Schwester Mirjam, die ohne zu wissen Deutsch gesprochen hatte, rettete die Situation, indem sie Jonathan von hinten an der Schulter fasste. Jonathan begriff durch ihr Schieben, dass er eine Polonaise anf\u00fchren sollte. Es bildete sich eine lange Schlange, die auch als chinesischer Drachenumzug gedeutet werden konnte. Das freudige Kettenlaufen wollte kein Ende nehmen und \u00fcbertraf Jonathans Faschingserlebnisse um L\u00e4ngen. Die sieben Stunden Gottesdienst in China gingen schneller vorbei, als die oft langweiligen f\u00fcnfundvierzig Minuten zu Hause. Nach diesen Ereignissen beschlossen alle Teilnehmer bis zum n\u00e4chsten Morgen zu fasten, da sie noch Gr\u00f6\u00dferes erwarteten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer f\u00fcr Jonathan unvergesslicher Tag hatte begonnen. Er liebte es, wie zuvor, stundenlang in die Anbetung Gottes zu versinken. Er hatte geh\u00f6rt, dass die transzendental meditierenden Buddhisten wohl \u00e4hnlich sch\u00f6ne Erlebnisse durch ihre Ich-Suche nach der Selbsterl\u00f6sung haben m\u00fcssten. Als die Trompeter aufgeh\u00f6rt hatten zu spielen, und eine Zeit der Stille einkehrte, fing Reinhild, ohne es zu wollen, lauthals zu lachen an. Martin Peter tat es ihr gleich und mit ihnen die ganze Versammlung. Der Einzige, der eine Stunde lang heulen musste und st\u00e4ndig Tr\u00e4nen in den Augen hatte war Jonathan. Er konnte nicht verstehen, warum er sich nicht in das Kollektiv mit einklinken konnte. Doch dann begannen die anderen auch zu heulen, und Martin Peter erkl\u00e4rte, dass die Versammlung nun das Herz Gottes f\u00fcr die Verlorenen bekommen hatte. Ein paar Frauen fingen an, sich wie in Geburtswehen zu kr\u00fcmmen und richteten ihren Oberk\u00f6rper auf und ab. Jonathan, der wie die meisten auf den Knien war, erinnerte sich an eine Fernsehsendung in der schwarzgekleidete orthodoxe Juden \u00e4hnlich wippend beteten. Die Last f\u00fcr unerettete Menschen war von den F\u00fcrbittern abgefallen, und der eigentliche Anlass des Tages startete, eine Schulung \u00fcber Prophetie. Ein altes Tonband nahm die Erl\u00e4uterungen von Martin Peter auf. Leider konnte Jonathan \u00fcberhaupt nichts verstehen. Darum hatte der Prophetielehrer Anrich zuvor kurz auf Englisch erkl\u00e4rt, dass er viele Bibelstellen bez\u00fcglich Prophetie durchnehmen w\u00fcrde. Anschlie\u00dfend sollte den Anwesenden die M\u00f6glichkeit gegeben werden, selbst zu prophezeien. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem Martin Peter in ein Schofar-Horn blie\u00df. Die Zuh\u00f6rer wussten, dass sie beim letzten Ton beginnen durften, ohne zu \u00fcberlegen etwas loszurufen. Sie sollten einfach ihren Mund aufmachen und anfangen die Worte Gottes zu reden, die der Heilige Geist in ihr Herz und nicht in ihren Verstand gebe. Das Signal kam und Jonathan befolgte den Rat. Ohne zu wissen was er sagen w\u00fcrde, h\u00f6rte er sich sprechen. \u201eMein liebes Kind, eine T\u00fcr wird f\u00fcr dich zugehen, was dich sehr traurig stimmt, aber sei nicht verzagt, daf\u00fcr werden sich hundert andere T\u00fcren f\u00fcr dich \u00f6ffnen!\u201c Jonathan wusste in dem Moment, dass Reinhild damit gemeint sein k\u00f6nnte. Aber dann w\u00e4re ihm um ihretwillen lieber die anderen T\u00fcren blieben verschlossen. Ein lustiger nat\u00fcrlicher Umstand in der Versammlung war, dass es Vierlinge gab, die gerade aus einem Umerziehungslager hinausgeworfen worden waren, weil dort eine Erweckung unter den Mitgefangenen ausgebrochen war. Bei der Ankunft hatten die vier dem\u00fctigen Schwestern die Garderobe \u00fcbernommen, Backwaren und Kaffee dargereicht und zuvor ihre F\u00fc\u00dfe gewaschen. Die wie ein Ei dem anderen gleichenden Jungfrauen waren in der Untergrundkirche f\u00fcr ihre Gabe der Prophetie bekannt. Jahrelang verrichteten sie zuvor treu ihren Dienst in der Provinz Phil Ippi Us (Deutsch: Feuerbach\/er). Deborah und Hanna hatten Ihren Stand in Jaci Gibi, Mirjam in Brizli Gibi und Judith in Kafi Gibi. Der Tonbandmitschnitt sollte auch ihre vier Prophezeiungen aufnehmen. Es war bekannt, dass sie unter der Trance Gottes so schnell redeten, dass es selbst mit Steno unm\u00f6glich war alles mitzuschreiben. Die Versammelten f\u00fcrchteten die Schwestern, weil zwar nicht alle, aber bereits viele pers\u00f6nliche Ermutigungen und weltweite Vorhersagen sich erf\u00fcllt hatten. Jonathan hatte die Gesch\u00e4ftsidee, die Prophetien eventuell in Deutschland \u00fcbersetzen zu lassen und einen Handel damit zu treiben. Er hatte sich schon ein gemeinsames Foto mit den Vieren besorgt, dass auf einer CD-H\u00fclle gut aussehen w\u00fcrde. Au\u00dferdem w\u00fcrde sich die spektakul\u00e4re Sache eventuell sogar als Download im Internet verkaufen lassen.<\/p>\n<p>Dem Technikfreak fiel es nicht leicht die mitgebrachte miniDisc mit \u201eChange the world\u201c und \u201eThe wonder years\u201c von Michael W. Smith zu l\u00f6schen. Aber er brauchte den freien Platz f\u00fcr den longplay Modus der Sprachaufnahme. Das Ger\u00e4t von Sony konnte jetzt sage und schreibe zweihundertvierzig Minuten in guter Qualit\u00e4t aufzeichnen. Er h\u00e4tte nicht gedacht, dass dies n\u00f6tig sein w\u00fcrde, denn jede der Vier prophezeite etwa eine Stunde lang ohne Unterbrechung. Die Australischen Landsleute hatten die Versammlung verlassen, weil sie nutzlos f\u00fcr sie war. Sie konnten ja nichts verstehen und hatten au\u00dferdem Hunger und Durst bekommen. Reinhild und Jonathan verfolgten das einzigartige unbegreifliche Geschehen trotzdem interessiert weiter und hielten sich an den H\u00e4nden. Diese Samth\u00e4nde mit der butterweichen Haut wollte Jonathan einfach nicht loslassen, bis Reinhild aufgrund seiner nat\u00fcrlichen Schwei\u00dfausbr\u00fcche h\u00f6flich darum bat. Martin Peter war w\u00e4hrend der Prophetien zun\u00e4chst hoch erfreut und l\u00e4chelte viel, dann schien er sich gro\u00dfe Sorgen zu machen, was ebenfalls an seinem Gesichtsausdruck ablesbar war. Nach der Versammlung war er wie vor den Kopf gesto\u00dfen. Er empfahl, den chinesischen Schwestern und Br\u00fcdern, den Tonbandabschnitt mit den Weissagungen zu l\u00f6schen und erst einmal niemand etwas von dem Empfangenen weiter zu erz\u00e4hlen. Sie sollten es im Ged\u00e4chtnis behalten und pr\u00fcfen, da auch Stellen \u00fcber Unheil, dabei gewesen waren und Prophetie zuallererst auferbaut und tr\u00f6stet und dann erst ermahnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Gruppe legte sich schlafen und freute sich \u00fcber das ausgiebige Fr\u00fchst\u00fcck am n\u00e4chsten Morgen. Es war sp\u00fcrbar, dass Martin Peter sich unwohl f\u00fchlte und deshalb legte er los. Es w\u00e4re prophezeit worden, dass sie verhaftet und des Landes verwiesen w\u00fcrden. Er sei sich nicht sicher, ob sie das geplante Zettels\u00e4en durchf\u00fchren sollen. Sie hatten noch 4000 kleinere \u201eVom Minus zu Plus\u201c Evangeliumsprospekte dabei, die sie in einer Gro\u00dfstadt in die Briefk\u00e4sten der Wolkenkratzer werfen wollten. Die Australier bekamen Angst und baten, vorzeitig mit dem Zug nach Hongkong abreisen zu d\u00fcrfen. Martin Peter stimmte zu und erinnerte sie daran, nicht \u00f6ffentlich \u00fcber den Glauben zu reden. Reinhild sagte, dass sie das Ganze an die Apostelgeschichte erinnert, wo Paulus trotzdem nach Jerusalem ging, obwohl ihm Agabus eine Warnung vor einer Verhaftung gab. Sie f\u00fcrchte sich nicht vor einer Festnahme und ginge mit. Jonathan h\u00e4tte sich lieber den Australiern angeschlossen, aber er wollte Reinhild nicht nochmal mit Martin Peter alleine lassen. Au\u00dferdem w\u00fcrde er wie in Albanien f\u00fcr immer ihr Besch\u00fctzer bleiben. In diesem Moment ereignete sich ein nie dagewesenes Zeichen. Einer der Br\u00fcder kam angesprungen und hatte ein merkw\u00fcrdiges Problem. Er nannte sich Da Sju und konnte sich nach dem Erwachen nicht mehr richtig bewegen. Seine Arme waren in der Art gestreckt, wie es in einer d\u00fcsteren Zeit zur Ehre eines okkulten deutschen F\u00fchrers als Begr\u00fc\u00dfungzeichen \u00fcblich war. Jonathan musste trotzdem lachen, da beide Zeigefinger und beide Mittelfinger kr\u00fcmmlich gebogen waren und aussahen wie die Ohren von Osterhasen. Er war am Ostersonntag geboren und liebte die Teighasen, die seine Mutter Anna an diesem hohen Feiertag der Auferstehung Jesu Christi zum Kaffee vorzusetzen pflegte. Die beiden deutschen Doktoren untersuchten den Patienten und brachen ihm dabei schier die Knochen. Seine Oberarme blieben trotzdem steif wie bei einem Toten. Martin Peter versuchte nicht mehr l\u00e4nger, die Arme von Da Sju nach unten zu beugen, sondern fing an zu beten. In diesem Moment drehten sich die H\u00e4nde um 180 Grad und ver\u00e4nderten die gekr\u00fcmmten Zeigefinger und die kleinen Finger von Da nach oben, wobei sich der Daumen, der Mittelfinger und der Ringfinger in der Mitte ber\u00fchrten. Etwas Furchterregendes ereignete sich, denn Bruder Sju fing an seinen Nachnamen immer wieder zischend, wie eine Schlange auszusprechen: \u201eSjuSjuSjuSjuSjuSju\u201c. Martin Peter sagte es handele sich um eine d\u00e4monische Belastung und rief weitere Geschwister herbei, die lautstark mit beteten. Der deutsche Teufelsaustreiber befahl D\u00e4monen auszufahren, w\u00e4hrend Jonathan begriff, dass er nun mitten in einem Exorzismus gelandet war. Eine Stunde lang schien nichts zu helfen. Dann bekam Hanna, eine der Vierlinge, ein sogenanntes Wort der Erkenntnis und sagte, man solle das Reisegep\u00e4ck von Da Sju untersuchen. Darin bef\u00e4nde sich ein d\u00e4monisches Buch, das f\u00fcr alles verantwortlich w\u00e4re. Sie durchsuchten den Rucksack und entleerten eine Bibel. Toll, dachte sich Jonathan, in dem Buch der B\u00fccher wird zwar viel von D\u00e4monen berichtet, aber das ist doch nicht das okkulte sechste bzw. siebte Buch Mose. Die Schwester Mirjam gab nicht auf und entdeckte ein Geheimfach im Futter des Rucksacks. Darin befand sich ein winziges B\u00fcchlein mit viel klein gekritzelten chinesischen Schriftzeichen. Die Schwester Judith zerriss das Notizbuch, und die Schwester Deborah verbrannte es in einem Ofen, der aussah wie eine Tonne. Augenblicklich senkten sich die Arme des Gequ\u00e4lten, und er fing an bitterlich zu weinen, wie es Erwin in Ramsgate getan hatte. Es schien allen klar zu sein, was passiert war, au\u00dfer Reinhild und Jonathan. Martin Peter erkl\u00e4rte ihnen mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen, dass das Notizb\u00fcchlein die Namen s\u00e4mtlicher anwesender Leiter enthielt, und Bruder Da Sju sich als Spion der chinesischen Geheimpolizei bekannt hatte. Das fand Jonathan obercool, nach dieser Enttarnung und Bu\u00dfe hatte die Untergrundbewegung einen Doppelagenten erhalten. Von da an wurde Da Sju mit seinem wahren Namen Fili Ilfi gerufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einer mehrst\u00fcndigen Fahrt mit dem Zug kamen die Deutschen in einer bekannten Gro\u00dfstadt im S\u00fcden Chinas an und buchten ein Quartier in einem Plattenbauhotel. Die Zimmer muffelten nach Alkohol und Rauch und hatten nur eine Etagendusche. Sie \u00fcbernachteten im vierzehnten Stock und stellten den Wecker auf vier Uhr morgens. Die Mission der Prospektzustellung war wesentlich schneller erf\u00fcllt als in Hongkong. Daf\u00fcr war sie auch umso gef\u00e4hrlicher. Hongkong war noch in britischer Hand, und es herrschte Religionsfreiheit, an der sich sp\u00e4ter jedoch auch nichts Negatives \u00e4ndern sollte. Das kommunistische Regime in China wollte die Macht von Propaganda mit jedem Mittel verhindern, was sie mit der blutigen Zerschlagung der Demokratie- und Studentenbewegung in Peking bewies. Tausende Seiten umfassende Bibeln einzuf\u00fchren war nicht so verhasst, wie die Gesellschaft durchdringenden, besser verst\u00e4ndlichen kleinen Brosch\u00fcren. Die Mission war \u00e4u\u00dferst erfolgreich. Der sechs Uhr Zug war nach Shenzhen p\u00fcnktlich abgefahren, und wenn man davon absieht, dass der smarte Ex-Oberarzt Dr. Martin Peter im Abteil Reinhilds leuchtende Augen und perfektes Gebiss unversch\u00e4mt lange fixiert und gemustert hatte, indem er sie in zahnmedizinische Fachgespr\u00e4che und Untersuchungen verwickelte, war bei Jonathan alles in bester Zufriedenheit.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich leider beim geplanten Grenz\u00fcbertritt in Shenzhen. Sie wurden festgenommen und von einer uniformierten Frau, die Drachenlady genannt wurde, in ein Klassenzimmer gef\u00fchrt. Die chinesische Milit\u00e4r-Prinzessin Li Si hatte schon einige Bibel-Schmuggler durch den Scanapparat und ihre alles durchdringenden Augen \u00fcberf\u00fchrt. Doch bei dieser Kontrolle zur\u00fcck nach Hongkong wurde lediglich Reinhilds Arztkoffer mit den zahlreichen Zangen entdeckt und inspiziert. Die Schmuggler hatten sich ja von jeglichem belasteten Beweismaterial ihrer urspr\u00fcnglich schweren Papierladung entledigt. Sie wurden in einen Raum gef\u00fchrt, in dem die drei Aussies wie \u00c4ffchen angebunden auf ihren St\u00fchlen sa\u00dfen. Der eine hatte einen Verband um die Augen, der n\u00e4chste um die Ohren und der Dritte um den Mund. Wie hatten sie sich das eingebrockt? Die Australier sa\u00dfen auf ihrer R\u00fcckfahrt zu viert in einem Abteil mit einem unm\u00fcndigen chinesischen Seefahrer, der eine gro\u00dfe Zahnl\u00fccke und breites Grinsen wie der amerikanische Bischof T.D. Jakes hatte. Er verstand kein Wort von dem was sie sagten, dachten sie zumindest. Sie wurden vom Gegenteil \u00fcberf\u00fchrt, als dieser sie in Shenzhen der Geheimpolizei \u00fcbergab und erkl\u00e4rte, dass es in Hongkong, sich von Ehefrauen losl\u00f6sende Piraten g\u00e4be, die durchaus Englisch verstehen, um sich ein Fass voll Rum f\u00fcr die Besatzung zu verdienen. \u201eDas kann doch einen Seemann nicht ersch\u00fcttern, keine Angst, keine Angst, &#8230;\u201c, war das Abschiedslied des abtauchenden U-Boot Kapit\u00e4ns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die nur chinesisch sprechende Drachenlady mit dem Decknamen Rosmarie hatte sich zwei rot gekleidete Gelbsternchen-Gehilfen, die wie Shaolinm\u00f6nche aussahen, als Dolmetscher zur Seite gestellt. Die drei Neuank\u00f6mmlinge durften sich in einer gro\u00dfen Sch\u00fcssel das Gesicht und die H\u00e4nde waschen. Der singende Bruce Chan bot Handt\u00fccher an, und Chackie Lee nahm sie, auf einem Tablett tanzend wieder ab. (Verzeihung, die K\u00fcnstler haben Probleme mit der Zeichensetzung). Jonathan empfand die Atmosph\u00e4re als ziemlich locker. Gerne versicherte er gegen\u00fcber den Verh\u00f6rern, dass sich keine Spionagedaten von Milit\u00e4rkasernen auf den silbernen Mini-CDs befinden und gab eine H\u00f6rprobe des Lieds: \u201eSei mutig und stark und f\u00fcrchte dich nicht.\u201c Die geliebte Reinhild wurde gefragt, ob sie mit ihren Zangen in China als Frauen\u00e4rztin Abtreibungen durchgef\u00fchrt hat und durch ein Ultraschallger\u00e4t das Geschlecht von Embryos erkennen kann. Die Befragte erl\u00e4uterte unverbl\u00fcmt auf Englisch, was f\u00fcr eine wunderbare Zahn-Pasta-Z\u00e4hne-Heraus-Reis-Hilfs-Aktion sie mit ihren zuvor durchleuchteten Instrumenten und anderen Mitbringsel durchgef\u00fchrt hatte. An den Namen des Bergortes konnte sich keiner der Deutschen erinnern, den hatten sowieso die Australier schon ausgeplaudert. Wo der daraufhin besuchte Bauernhof genau lag, wusste sowieso niemand genau zu sagen, au\u00dfer dem sprachlosen Martin Peter, der sich davor h\u00fctete \u00fcberhaupt etwas zu \u00e4u\u00dfern. Die eine Zigarette rauchende, das Verh\u00f6r anleitende Parteigenossin wurde ungeduldig und ungem\u00fctlich. Sie nahm den Reisepass, in dem Peter Martin Anrich stand und entz\u00fcndete diesen mit ihrem Feuerzeug im Aschenbecher. Trotz giftiger Umweltbelastung schien den energiehungrigen Chinesen, das w\u00e4rmende, schmorende Feuer Genugtuung zu bereiten. Anstelle Jesu ei ni in richtiger Tonlage auszusprechen, sagte Jonathan aus Versehen zu den Spitzeln, dass sie Schweine w\u00e4ren, die geschlachtet werden m\u00fcssen. Martin Peter gab seine Chinese Wall auf und erg\u00e4nzte perfekt in Mandarin, die wilde Nymphomanin solle mit den geilen M\u00f6nchen dreizehn mal unter Deck gehen, um Buben, anstelle einer zahmen Prinzessin, durch ihre geheimen, gemeinsamen Unterleibsunterborduntersuchungen ans Tageslicht zu bef\u00f6rdern. Dass schlug dem Fass den Boden aus bzw. setzte dem Ganzen die Krone auf. Ausschlaggebend waren nicht nur die sp\u00f6ttischen Bemerkungen, sondern der die Landessprache beherrschende und enttarnte Martin Peter, der zuvor schweigend jedes Wort der gegnerischen Unterredungen mitgeh\u00f6rt hatte. F\u00fcr einen Konfuzianer gibt es nichts Schlimmeres, als sein Gesicht zu verlieren. Deshalb tunkte der enttarnte, schwangere, taoistische Golddrache den mit Handschellen gefesselten Arzt in die Messing-Wassersch\u00fcssel und verabreichte gleichzeitig dem zur Hilfe eilenden Jonathan mit einem Todeskralle-Zeigestab einen Elektroschock an seinem Kopf. Reinhild, die dachte, dass ihr Berufsgenosse nun durch Ertrinken umgebracht wird und ihr Liebster um den Verstand gebracht wird, fing an Herz zerrei\u00dfend zu weinen und stoppte damit den Frevel. Sie erz\u00e4hlte gro\u00dfen Eindruck schindend etwas von UNO-Menschenrechten und von der Genfer Konvention, womit himmlischer Frieden am Platz einkehrte. Bruder Lee verordnete der \u00c4btissin eine Beruhigungspille, da sie einen Anfall von Atemnot und Sch\u00fcttelkr\u00e4mpfen bekam, den Bruder Chan in einer Ausrede als wilden fehlgeschlagenen Kung Fu Stunt bezeichnete. Das Ende vom Lied war, dass den Eindringlingen lediglich die Visa entzogen wurden und die Passnummern registriert wurden, damit sie so leicht nicht mehr ein neue Einreisegenehmigung bekommen. Somit verlief die ganze Angelegenheit einigerma\u00dfen glimpflich. Jonathan freute sich sogar ein wenig dar\u00fcber. Nun konnte er in der Heimat damit angeben, von der Chinesischen Geheimpolizei verhaftet und gefoltert worden zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon am Abend zerstreute sich das internationale Team wieder bei einem mit Flutlicht beleuchteten Volleyballspiel im Freien mit der von Martin Peter unterst\u00fctzten Gemeindejugend in Fan Lin. Die Beachvolleyballer aus Sydney konnten ihrem Frust ein Tag eingesperrt gewesen zu sein vollen Lauf lassen, indem sie das Spiel klar dominierten. Dass der sportliche Anrich dabei gleich dreimal den Ball voll ins Gesicht geschmettert bekam, war sicher keine Absicht. Zur Wiedergutmachung und als Revanche mussten die vier ausl\u00e4ndischen Mitbewohner am Abend je einen Bibelvers auswendig lernen. Martin Peter hatte einen riesigen Karteikasten mit kleinen K\u00e4rtchen auf denen chinesische Schriftzeichen gemalt waren, die er so besser auswendig lernen konnte. Auf der R\u00fcckseite dieser Memory-Karten, waren von ihm ausgew\u00e4hlte englische Bibelverse geschrieben worden.<\/p>\n<p>Jonathan war nicht gerade gl\u00fccklich \u00fcber seinen Spruch \u201eWecke die Liebe nicht auf, bevor es ihr nicht selbst gef\u00e4llt\u201c, und die in zwei Tagen abreisenden Australier f\u00fchlten sich durch die erhaltenen nichts sehen, h\u00f6ren und sprechen Ratschl\u00e4ge ebenfalls vor den Kopf gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die letzte Ferienwoche war angebrochen, und ein verdienter Erholungsurlaub in Hongkong konnte von den Schmuggler Gottes verbracht werden. Das Liebespaar besuchte mit der Zahnradbahn den Victoria Peak und fotografierte den atemberaubenden Blick auf die Skyline des Central Districts. Jonathan interessierte sich besonders f\u00fcr den Bank of China Tower und das HSBC-Geb\u00e4ude, das durch seine Legobauweise theoretisch, bei einer bef\u00fcrchteten kommunistischen Diktatur, nach Taiwan oder Japan verschifft werden konnte. Reinhild kl\u00e4rte ihren Zuk\u00fcnftigen dar\u00fcber auf, dass die acht Trigramme, die F\u00fcnf-Elemente-Lehre und die besser bekannte Ying-und-Yang-Lehre mit dem Christentum unvereinbar w\u00e4ren, und deshalb die unbezahlbaren Architekturikonen keine Bewunderung in ihr hervorrufen. Hongkong ist ein riesiges Einkaufsparadies mit einem Ladenzentrum neben dem anderen, welche die Besucher f\u00f6rmlich zum Shoppen verleiten und s\u00fcchtig machen. Die pietistisch angehauchte Reinhild bevorzugte Kopft\u00fccher und R\u00f6cke aus dem Ladies Market in Mong Kok, und Jonathan besorgte sich Seidenhemden und Krawatten im Temple Street Night Market in Kowloon. Schwer bepackt kamen die beiden Umarmenden sp\u00e4t nachts in ihre Quartiere zur\u00fcck. In Jonathans Zimmer musste wegen \u00dcberf\u00fcllung der Notstand ausgerufen werden, denn seine Kollegen vom f\u00fcnften Kontinent, hatten es ihm gleich getan und \u00e4ngstigten sich beim Koffer packen davor, f\u00fcr das \u00dcbergep\u00e4ck von der Quantas Airline und dem heimischen Zoll kr\u00e4ftig zur Kasse gebeten zu werden.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen machten sich die Bibelschmuggler zum letzten Mal auf die gemeinsame Reise mit dem Vorortzug ins Stadtzentrum von Hongkong. Die lieb gewonnen Aussies wurden am Flughafen auf die Schulter klopfend verabschiedet, Martin Peter wollte sich bei dem Deutschen Generalkonsulat ein neues Reisedokument besorgen und das verbleibende Duo hatte ein Ehevorbereitungsgespr\u00e4ch bei Andrew Taylor vereinbart. Das Glasb\u00fcro von Bruder Andrew befand sich in einem der zahlreichen Hochh\u00e4user, die gr\u00f6\u00dftenteils nach dem Feng Shui Prinzip gebaut wurden. Jonathan hatte sich noch nie in einem ordentlicheren Aufenthaltsraum befunden. An einer Wand waren fein s\u00e4uberlich die Bilder von Andrews Mitarbeitern geh\u00e4ngt, f\u00fcr die er gerade auf einer Bambusmatte kniend betete. Er lud die G\u00e4ste ein, f\u00fcr Martin Peter mit in die F\u00fcrbitte zu gehen, damit dieser durch ein Wunder eine weitere Aufenthaltsgenehmigung und einen Pass von den ortsans\u00e4ssigen Beh\u00f6rden bekommt. Danach setzten sie sich an einen Konferenztisch und berichteten dem erstaunten Taylor, von ihren China Inland Missions-Erlebnissen, sowie von ihrem Albanieneinsatz, bei dem sie sich kennen gelernt haben. Andrew wollte von dem an sich anschmiegenden Paar wissen, ob sie sich hundert Prozent gegenseitig annehmen k\u00f6nnen, wie sie sind, was Reinhild nur z\u00f6gerlich bejahte. Sie bekannte ein \u00e4u\u00dferliches Problem, dass sie mit Jonathans vier fehlenden Z\u00e4hnen und seiner nicht ganz so \u00e4sthetischen Br\u00fccke hatte, aber als nicht wirklich schlimm empfand. Jonathan, der in einer anderen Sache ein schlechtes Gewissen bekam, lenkte sein Gespr\u00e4ch auf seinen miniDisc Player. Er fragte, ob er die Aufnahmen der Prophetinnen ver\u00f6ffentlichen und verkaufen d\u00fcrfte und begann sie \u00fcber den Kopfh\u00f6rer abzuspielen. Der \u00e4ltere Bruder Andrew war von der Technik des winzigen Rekorders begeistert und wollte die kompletten vier Stunden abh\u00f6ren. Normalerweise sa\u00df er stundenlang vor seinem PC und beantwortete die Emails der ausl\u00e4ndischen Besucher, die als Esel f\u00fcr Jesus kommen wollten. Doch nun setzte er sich in seinen Ledersessel und trug eifrig, die f\u00fcr ihn wichtigen chinesischen Vorhersagen, in ein Notizbuch ein. Um die G\u00e4ste nicht zu langweilen, gab er ihnen eine Visitenkarte von einem Freund, der in der N\u00e4he ein interessantes Gesch\u00e4ft betrieb. Als Jonathan und Reinhild in der Schneiderei ankamen, waren sie von der Idee sehr angetan, sich einen Ma\u00dfanzug und ein Kost\u00fcm anfertigen zu lassen. Der bekannte schnelllebige Rhythmus der Gro\u00dfstadt garantierte die Abholung innerhalb 24 Stunden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Andrews B\u00fcro, trafen sie den frustrierten Martin Peter an, der wegen seines zerst\u00f6rten Passes nach Deutschland zur\u00fcckkehren musste und seine Arbeit als Chinahilfsmitarbeiter nicht mehr so schnell aus\u00fcben konnte. Der reum\u00fctige Jonathan entschuldigte sich bei seinem Fremdenf\u00fchrer f\u00fcr den heimlich angefertigte Mitschnitt und wollte diesen l\u00f6schen. Statt dessen schlugen Andrew und Martin Peter vor, die g\u00f6ttlich inspirierten Weissagungen zum richtigen Zeitpunkt unentgeltlich zu ver\u00f6ffentlichen, um keinesfalls, wie viele Wohlstand verk\u00fcndigende Tele-Evangelisten, einen eigenn\u00fctzigen, egomanischen Handel mit Gottes Wort zu treiben. Nun wollte die emanzipierte Reinhild eine Kostprobe ihrer Glaubensgeschwister erhalten und bettelte so lange, bis ihr Andrew eine Story vorlas. Martin Peter h\u00e4tte in der Scheune von Deborah den Zukunft weisenden Ratschlag bekommen, seinen erlernten Beruf in seiner Heimat wieder auszu\u00fcben und in der Freizeit, f\u00fcr das Reich Gottes, als ehrenamtlicher Mitarbeiter zu wirken. Au\u00dferdem w\u00fcrde er zuhause eine wunderh\u00fcbsche, besser zu ihm passende, deutsche Berufskollegin, und nicht eine der vier bewunderten, schlitz\u00e4ugigen Prophetinnen heiraten. \u201eDas wird die Zeit dann ganz bestimmt bald zeigen\u201c, schmunzelte der sich von Andrew verabschiedende Jonathan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg gingen die drei deutschen Gute Nachricht Verehrer an der Uferpromenade von Kowloon vorbei und wurden von zwei Englisch sprechenden, schwarzen Anzugtr\u00e4gern mit wei\u00dfen Hemden gefragt, ob sie die goldenen Platten des Joseph Smith kennen. Ein halbst\u00fcndiges Gespr\u00e4ch war die Folge, in der Martin Peter die missionierenden jungen US-Amerikaner \u00fcberzeugen wollte, dass das Buch Mormon nicht von Engeln, sondern von D\u00e4monen inspiriert wurde, und der einem Geheimbund angeh\u00f6rige Schreiber und Jupiter-Talismann-Tr\u00e4ger gerade deshalb ein b\u00f6ses Ende genommen hat. Ein paar Schritte weiter trafen sie auf zwei philippinische Gastarbeiterinnen, die aus der katholischen Kirche ausgetreten waren, um nun eifrig den Watchtower &#8211; Wachtturm &#8211; zu verteilen. Diesmal klinkte sich die gleichgeschlechtliche Reinhild, ihre Glaubens\u00fcberzeugungen heftigst weitergebend, mit in das Gespr\u00e4ch ein, indem sie Bibelstellen \u00fcber Jesus Christus, der sowohl Mensch als auch Gott sei, zitierte. Sie versuchte dadurch zu beweisen, das die Neue-Welt-\u00dcbersetzung die Bibel verf\u00e4lscht habe. Jonathan wusste von Haust\u00fcrgepr\u00e4chen mit den ihm nicht unsympathischen Zeugen Jehovas, dass diese Diskussionen stundenlang andauern k\u00f6nnen, weil indoktrinierte Menschen selbst Ausreden f\u00fcr falsch verk\u00fcndigte Weltunterg\u00e4nge finden. Deshalb besorgte sich der Genie\u00dfer von einem Stra\u00dfenverk\u00e4ufer ein Bananen-Softeis und balancierte, das Streitgespr\u00e4ch beobachtend, auf der Ufermauer. Wenn er wollte k\u00f6nnte er bei der n\u00e4chsten Bank-Chorprobe im Raum der Stille mit seinem verehrten Direktor und Glaubens-Papst Adolfo Massonico ein weiteres Wachtturm-Granit-Tempel-Bank-Mitarbeiter-Gespr\u00e4ch f\u00fchren, oder besser mit seiner liebensw\u00fcrdigen, dirigierenden Frau Anne-Sophie \u00fcber deren Adelsabstammung sinnieren. Die in Karlsruhe geb\u00fcrtige Mormonin und Wagner Verehrerin hatte passend dazu herausgefunden, dass sie von Karl dem Gro\u00dfen und Ludwig II. abstammt, und ihr G\u00f6ttergatte Adolfo zu den franz\u00f6sischen Sonnenk\u00f6nigen und spanischen Nicolaiten z\u00e4hlt. Jonathan balancierte gerade \u00fcber einen Teil der chinesischen Mauer, in den, wie bei einer Br\u00fccke, ein Loch zum besseren Geisterdurchschritt, freigelassen war. \u201eAutsch, so ein Pech!\u201c, der Kunstturner, der seinen Gedanken freien Spie\u00dfrutenlauf lie\u00df, hatte nicht aufgepasst, fiel auf seinen Allerwertesten und verrenkte sich die H\u00fcfte. Dies sorgte bei den Umstehenden f\u00fcr den Abbruch der trennenden Anfeindungen, denn nun erkundigten sich alle Religionsk\u00e4mpfer bemitleidend nach seinem Befinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der auf Brautschau befindliche Jonathan f\u00fchlte sich in der Nacht \u00e4u\u00dferst ungem\u00fctlich auf seinem Bett und konnte zun\u00e4chst nicht einschlafen. Die Worte von Lester Murdock kamen ihm wieder in Erinnerung, er solle nicht traurig sein, weil eine Freundschaft in die Br\u00fcche geht, denn die Frau w\u00e4re f\u00fcr seinen Freund vorgesehen. Dann wiederholte sich in seinem Verstand die Verhei\u00dfung: \u201eEine T\u00fcr geht f\u00fcr dich zu, aber daf\u00fcr \u00f6ffnen sich hundert andere!\u201c Endlich eingeschlafen tr\u00e4umte er von einer Himmelsleiter, die in ein leuchtendes, herrliches Schloss mit unz\u00e4hligen T\u00fcren f\u00fchrte, durch die ihn zwei fliegende Engel, auf ihren H\u00e4nden tragend, schnell hindurch f\u00fchrten. In jedem Raum befanden sich die sch\u00f6nsten und wunderbarsten Geschenke, doch leider blieb keine Zeit zum Verweilen. Entt\u00e4uscht auf dem harten Boden der Tatsachen wieder angekommen h\u00f6rte er die v\u00e4terlichen Worte: \u201eWas kein Auge gesehen hat und in keines Menschen Sinn gekommen ist, habe ich f\u00fcr meine geliebten Kinder bereitet.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die H\u00fcftschmerzen hatten sich vergr\u00f6\u00dfert. Jonathan wollte am n\u00e4chsten Morgen nicht wie geplant in eine Sportarena zum Wunder-Gottesdienst mitgehen. Martin Peter best\u00fcrmte ihn trotzdem mitzukommen, weil ein ber\u00fchmter Heilungsevangelist mit seinem Privatjet eingeflogen kam, der unbedingt f\u00fcr seine Gesundung beten sollte. Die Musik und die Predigt waren so laut, dass Jonathan, der Tempo Taschent\u00fccher in seine Ohren stopfte, bevorzugte, das Pfeifen aus seinem Gehirn weggepustet zu bekommen. Der Vollm\u00e4chtige Flewy Hinn predigte gekonnt und blies zahlreiche Besucher auf der B\u00fchne in ihr Gesicht oder schwenkte mit seinen Armen, so dass sie r\u00fcckw\u00e4rts umfielen und sich im Geist erschlagen ausruhten. Die Kr\u00f6nung war, als die in der vernebelten \u201eKannst mir den Schleier von den Augen nehmen\u201c Halle stehenden Zuschauer sich an den H\u00e4nden fassen sollten und durch laute gewaltige \u201eBam, Fire, Power\u201c Schreie in ihre Sitze zur\u00fcckgeschleudert wurden. Der Patient, der weder schmerzfrei sitzen, noch stehen konnte, wurde von seiner besseren H\u00e4lfte Reinhild zur Rechten und Martin Peter zur Linken am Arm gefasst, und ohne es zu wollen mit umgeschmissen. \u201eIhr seid aber zwei tolle \u00c4rzte, ihr sollt mich doch gesund machen und nicht umbringen!\u201c, beklagte sich Jonathan, der anschlie\u00dfend in ein Krankenhaus zum R\u00f6ntgen gebracht wurde, um zu erfahren, dass er sich einen Beckenbruch, wo auch immer eingehandelt hatte. Die station\u00e4re Einlieferung war unumg\u00e4nglich. Jonathan rief die Hauptverwaltung der SDK-Krankenversicherung in Fellbach an und bekam ein erste Klasse Ticket f\u00fcr den Lufthansa Direktflug nach Frankfurt gestellt. In gewohnter Umgebung im Paracelsus-Krankenhaus Ruit war eine Operation angebrachter.<\/p>\n<p>Patient zu sein hat auch seine Vorteile, denn nun packten Martin Peter und Reinhild seine Sachen und lieferten ihn am Kai Tak Flughafen ab. Jonathan lie\u00df vor seinem R\u00fcckflug sein anderes Flugticket am China Airlines Schalter auf Martin Peter umschreiben. Weinend vor Schmerzen oder wegen der Trennung, w\u00fcnschte der verwundete Liebhaber dem zur\u00fcckbleibenden Paar alles Gute. \u201eIch glaube ihr zwei seid von Gott f\u00fcreinander bestimmt\u201c, waren seine Abschiedsworte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan hatte noch nie so gro\u00dfe Schmerzen aushalten m\u00fcssen, wie in seinem 11.000 Meter hohen, zum Bett umfunktionierten Schlafsessel, in dem er auf dem Bauch lag. Er versuchte die gnadenlose Stiche in seinem Hintern, durch den kostenlos dargereichten Champagner und durch einen ablenkenden Videofilm zu bet\u00e4uben. Die erfolgreiche Liebes-Parodie \u201eVier Hochzeiten und ein Todesfall\u201c war zum Schreien komisch und passte zu seiner Situation. Denn in seiner Fiktion bildeten sich ebenfalls drei Hochzeitspaare mit Helen &amp; Otto, Vera &amp; David, Reinhild &amp; Martin Peter und dem vierten Paar mit dem Storyhelden Jonathan &amp; ?. Phoebe, die zuvor kommende griechische Stewardess, hatte den mutigen Eindruck vom Himmel, ihn mit einem Bibelspruch aufmuntern zu sollen, obwohl sie gar nicht wusste, dass er gl\u00e4ubig ist. Im R\u00f6merbrief Kapitel 8 w\u00fcrde stehen, dass alle Dinge denen zum Besten dienen, die Gott lieb haben. Das vom unsichtbaren Vater, und nicht von den erw\u00fcnschten Jungfrauen, geliebte Kind Jonathan erwiderte, dass er sich wie die mit feinf\u00fchligstem britischen Humor zu Grabe getragene Leiche vor kommt, die von Mister Bean oder einem anderen schwulen Pfarrer mit dem Poema: \u201eLasst die Flieger kreisend, Trauer sei das Gebot, an den Himmel schreiben, er ist tot\u201c, am Flugzeug-Bildschirm verabschiedend bestattet wurde. In Frankfurt angekommen schob die schwarzgelockte, Traumma\u00dfe aufweisende Hostess Phoebe den lieb gewonnen Patienten mit dem Rollstuhl zum Johanniter Wagen, der ihn zum Ruiter Operationstisch bef\u00f6rderte. Die bibelfeste\/griechisch Orthodoxe gab ihm um 12 Uhr eine letzte aufbauende Mitteilung des R\u00f6merbriefs mit auf den Weg: \u201eIch ermahne euch nun Br\u00fcder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgef\u00e4lliges Schlachtopfer, welches euer vern\u00fcnftiger Dienst ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um die weiblichen Groschenroman-Leser (die Lebensfiktion von Jonathan Fischer darf kostenlos f\u00fcr den privaten Gebrauch ausgedruckt werden), nicht zu entt\u00e4uschen und wie bei der Lindenstra\u00dfe Woche f\u00fcr Woche hinzuhalten, sei verraten: Es gibt eine vierte Hochzeit und der schnell wiedergenesene Jonathan ist nicht mehr zu haben, weil er in den n\u00e4chsten drei Kapiteln unter die Haube gebracht wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-7-die-reise-nach-china.mp3 &nbsp; Die Reise nach China &nbsp; Der sparsame Schwabe und B\u00e4nker Jonathan Fischer \u00fcberlegte sich, was er mit dem Geld auf seinem eBank-Tagesgeldkonto bei der Volksbank Plochingen eG, die einen wesentlich besseren Zinssatz, als seine Sandbank Denkenstadt eG anbot, anfangen sollte. 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