{"id":64,"date":"2008-04-24T16:21:53","date_gmt":"2008-04-24T16:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=64"},"modified":"2021-01-03T16:30:44","modified_gmt":"2021-01-03T16:30:44","slug":"4-kapitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=64","title":{"rendered":"4. Kapitel"},"content":{"rendered":"<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-64-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-4-die-reise-nach-albanien.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-4-die-reise-nach-albanien.mp3\">https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-4-die-reise-nach-albanien.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Reise nach Albanien<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan Fischer startete \u00fcber das Internet einen englischen Bibelfernkurs, auf den ihn Vera Fischer gesto\u00dfen hatte. Diese Frau war ein Glaubensvorbild f\u00fcr Jonathan und ihn \u00fcberraschte nicht von ihr zu h\u00f6ren, dass sie sich auf eine gef\u00e4hrliche Reise in das mit Bunkern und Munitionsresten \u00fcbers\u00e4te Albanien begeben wollte. Der atheistische Staat hatte sich gerade von einer schlimmen kommunistischen Diktatur befreit und wurde das Armenhaus Europas genannt. Nein, in diesen f\u00fcr die Blutrache bekannten Landstrich w\u00fcrden ihn keine zehn Pferde bringen. Ihm reichten seine Erinnerungen an minderversorgte Ostblockl\u00e4nder, die er als Bundestrainer anl\u00e4sslich der Blindenschacholympiade in Rum\u00e4nien gemacht hatte. Bekanntlich soll man niemals nie sagen, denn Jonathan wurde vor eine interessante Entscheidung gestellt. F\u00fcr die Entwicklungshilfe-Reise in den Balkanstaat hatten sich acht Frauen und ein Freund Jonathans angemeldet. Der Allianzmitarbeiter Richard Frank fiel aus, weil sein Arbeitgeber einen Kinder unterst\u00fctzenden Gro\u00dfauftrag bekommen hatte. Nun suchte Vera einen m\u00e4nnlichen Ersatz, der als Schutz vor Ann\u00e4herungsversuchen gebraucht wurde. Jonathan selbst hatte nicht nur auf sie ein Auge geworfen, sondern auch auf eine blutjunge Studentin, die bei Vera zur Untermiete wohnte. Sie war britischer Herkunft, hie\u00df Helen Richards und imponierte ihm als begabte S\u00e4ngerin und Musikerin. Bei einem Treffen \u00fcber die Ziele und Risiken der an Ostern geplanten Reise lernte Jonathan die anderen Damen kennen, von denen eine h\u00fcbscher als die andere war. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde er als Besch\u00fctzer mitkommen, denn heftigste Angriffe s\u00fcdl\u00e4ndischer Machos wurden erwartet, die er abwehren sollte. Jonathan besa\u00df wenig Weisheit dar\u00fcber, dass der allm\u00e4chtige Gott den Menschen tief ins Herz schaut und deren Motivationen \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Tag der Abreise war gekommen und die zwei Fl\u00fcge f\u00fchrten \u00fcber Budapest nach Albanien. In Tirana gelandet blickte Jonathan aus dem Fenster und suchte das Flughafengeb\u00e4ude. Seine Sehorgane gaben im die R\u00fcckmeldung, dass er sich in den f\u00fcnfziger Jahren befindet. \u201eWas waren das f\u00fcr Wassert\u00fcrme und wo kamen die Pferdefuhrwerke her?&#8220;, fragte er sich angestrengt. Fehler sind da, um daraus zu lernen, und deshalb \u00fcbergaben die Angekommenen ihr Gep\u00e4ck an freiwillige Helfer. Diese trugen die Lasten so schnell in Richtung der W123 Taxis, dass sich hinterher niemand \u00fcber das Fehlen eines Koffers wunderte. Zum Gl\u00fcck befanden sich darin lediglich Zahnb\u00fcrsten und Zahnpastatuben, die von einer netten Firma gespendet wurden und jetzt anderweitig ihre Bestimmung finden w\u00fcrden. Es war schon schwierig genug die Taschen in den Kofferraum der drei Mercedes-Benz hineinzubekommen, da die jugendlichen Tr\u00e4ger ohne ein unversch\u00e4mtes Trinkgeld diese sonst nicht herausgegeben h\u00e4tten. Der Tacho des Oldtimer der zweihunderter Diesel-Baureihe in dem Jonathan mitfuhr zeigte einen Stand von vierhunderttausend Kilometer an. Die eigentliche Akklimatisierung erfolgte im Hotel, in dem ein Empfangskomitee die Angekommenen empfing. Die Menschen waren \u00fcberaus warmherzig und dr\u00fcckten dies durch Umarmungen und einen Begr\u00fc\u00dfungskuss auf die Wange aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Programm der ersten Woche spielte sich in der Hauptstadt des an der Adria gelegenen Staates ab. Vera war in ihrem Beruf f\u00fcr die M\u00fcllentsorgung und Stadtreinigung zust\u00e4ndig und f\u00fchlte sich dazu berufen, die Vorz\u00fcge der schw\u00e4bischen Putzsucht in dem kleineren Land einzuf\u00fchren. In ihrem Eifer wollte sie sogar im sp\u00e4teren Leben die goldenen Stra\u00dfen im Himmel s\u00e4ubern und diskutierte mit einer mitgereisten Zahn\u00e4rztin namens Reinhild Scheu, ob dies im Paradies n\u00f6tig sein w\u00fcrde. Der Anblick der albanischen Stra\u00dfen, auf deren Seitenstreifen der Abfall auf H\u00e4ufen hingeschmissen wurde, war ern\u00fcchternd. Die M\u00fcllarbeiter mussten mit der Hand den Unrat in die M\u00fcllwagen schaufeln. \u00dcbels stinkende Tierkadaver wurden vor Ort mit Benzin \u00fcbergossen und angez\u00fcndet. Dr. Scheu besuchte die kieferchirurgische Abteilung des st\u00e4dtischen Krankenhauses und machte zun\u00e4chst Fotos von den veralteten Ger\u00e4ten. Der Aufbau der Einrichtung einer ausgemusterten deutschen Zahnarztpraxis wurde von der netten Medizinerin \u00fcberwacht. Ihre ausl\u00e4ndischen Kollegen waren \u00fcberaus erfreut. Es stellte sich heraus, dass der Kieferchirurg Martin Anrich, der Jonathan operierte, einen ebenso positiven Eindruck an diesem Ort in der Vergangenheit hinterlassen hatte. Auch das Stuttgarter Ehepaar Marika und Stefan Barth hatte sich durch den Aufbau einer Poliklinik in der albanischen Hauptstadt einen guten Ruf erworben. War das nicht das Ehepaar das gemeinsam mit seinem Idol J\u00fcrgen Klinsmann vor kurzem die Agapedia-Stiftung gegr\u00fcndet hatte? Jonathans Vermutung wurde von seinem Begleiter anl\u00e4sslich des Besuchs des Fu\u00dfballspiels zwischen FK und Dinamo Tirana best\u00e4tigt. Die fu\u00dfballbegeisterten Albaner liebten die Deutschen Fu\u00dfballstars und kannten diese und ihre Freunde genau. Die Bev\u00f6lkerung h\u00e4ngten bei gro\u00dfen Turnieren sogar die Deutschlandfahne aus den Fenstern und schossen bei Deutschlandtoren im Fernsehen mit ihren illegalen Pistolen vor Freude in die Luft.<\/p>\n<p>Als weitere Freizeitbesch\u00e4ftigung wurde von der Gruppe die Oper in Tirana besucht. Eines der bekanntesten Mozart-Werke \u201edie Zauberfl\u00f6te\u201c wurde aufgef\u00fchrt. Jonathan wunderte sich, als er den Opernf\u00fchrer und das Geschehen genauer studierte. Er meinte zu erkennen, dass es sich hier um den Versuch handelte, ihn f\u00fcr eine Freimaurerloge zu gewinnen. Seine Begleiterinnen konnten seine Skepsis \u00fcberhaupt nicht verstehen und tr\u00e4llerten die weltbekannten Arien auswendig mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der zweiten Woche wollte die Reisegruppe die Sch\u00f6nheit des n\u00f6rdlichen Berglandes inspizieren und fuhr mit der Bahn nach Shkodra. Teilweise waren die Fenster des Zugs eingeschlagen und die Sitzpolster herausgerissen, was Jonathan schockierte. Ein Mann im Abteil war besonders aufdringlich, denn sobald eine der h\u00fcbschen Frauen eine Trinkflasche aufmachte, wollte er nach einheimischer Sitte etwas abhaben. In Shkodra wurden sie von einem schwedischen Missionar namens Ulf Gouderner empfangen, der die Campus f\u00fcr Christus-Studentenarbeit in der Universit\u00e4t aufbaute. Als \u00dcbernachtungsst\u00e4tte diente ein kleines, umz\u00e4untes Haus, das nur eine Dusche besa\u00df, deren Abfluss gleichzeitig als Toilette diente. Von seinen Schwarzwaldbauernhofaufenthalten war Jonathan als Kleinkind an ein Plumsklo gew\u00f6hnt, aber die Begleiterinnen hatten so etwas noch nicht gesehen und gerochen. So gab es \u00fcber die zeitliche Nutzung dieses Badezimmers schon einmal einen Streit unter den Frauen. Der harmonische und nette Umgang untereinander wurde dadurch jedoch kaum getr\u00fcbt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Deutsch, Englisch und Albanisch sprechende Schwede Ulf organisierte einen Einsatz in der Aula der Universit\u00e4t. Zun\u00e4chst f\u00fchrte das deutsche Team ein Pantomimenst\u00fcck auf und danach sang Helen einige Lobpreislieder, die sie selbst mit der Gitarre begleitete. Der H\u00f6hepunkt war eine Danceshow von vier Glaubensschwestern, die von christlicher Popmusik auf einem Ghettoblaster begleitet wurde. Das gr\u00f6\u00dftenteils m\u00e4nnliche Publikum tobte vor Begeisterung und forderte eine Zugabe. Den Schluss bildete eine kurze Predigt auf Albanisch von Gouderner und eine Einladung zu einem Gottesdienst. Seine w\u00f6chentliche Bibelandachten hatten sich bereits an der Uni etabliert. Das Sprachtalent Ulf hatte in zwei Jahren nahezu perfekt Albanisch gelernt und imponierte Jonathan genauso stark wie es Pastor Georg M\u00fcller tat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem der folgenden Tage wiederholte die Gruppe die Vorstellung an einem \u00f6ffentlichen Platz. In Shkodra war es \u00fcblich, dass die Menschen abends in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone auf und ab schlenderten und sich in der zentral gelegenen Gr\u00fcnanlage mit sch\u00f6nem Teich trafen. Es war gut f\u00fcr das Team, dass sich im Programmablauf schon eine gewisse Routine eingespielt hatte, denn umgehend hatten sich etwa f\u00fcnfhundert neugierige Menschen zusammengeschart, um das attraktive Schauspiel zu verfolgen. Am Ende machte Ulf Gouderner einen Aufruf und fragte wer sein Leben an Jesus Christus \u00fcbergeben m\u00f6chte. Die H\u00e4lfte der Menge signalisierte dies mit einem ungenierten Handzeichen. Jonathan und seine Helferinnen begannen, Einladungen f\u00fcr neu geplante Sonntagsgottesdienste zu verteilen und wurden dabei von einigen Katholiken laut beschimpft. Ein kleiner Aufruhr bahnte sich an, als einige M\u00e4nner versuchten gewaltsam an die Handzettel zu kommen und begannen diese zu zerrei\u00dfen. Das Erzbistum besa\u00df eine gro\u00dfe Kathedrale, die der Diktator Enver Hoxha in seiner Schreckenszeit zur Turnhalle umfunktioniert hatte. Die ber\u00fchmte Agnes Gonxha Bojaxhiu besuchte als Kind die katholische M\u00e4dchenschule Shkodras. Die Heilige ist unter dem Namen Mutter Theresa besser bekannt. Der Dienst von Ulf wurde trotz aller Angriffe stark gesegnet, denn er konnte am darauf folgenden Sonntag in der Stadt mit der gr\u00f6\u00dften Moschee des Balkans einen gut besuchten Gottesdienst starten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem ausgiebigen gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck begab sich die Reisegruppe zu einem der h\u00f6chsten Geb\u00e4ude Shkodras. Ulf schlug Jonathan vor, ein Treppenrennen bis zum Aussichtspunkt zu veranstalten. Der Gewinner sollte vom Verlierer ein Essen bezahlt bekommen. Der siegessichere und durchtrainierte Jonathan geriet rasch in R\u00fcckstand, denn er konnte dem gro\u00df gewachsenen, blonden Skandinavier nur schwer folgen. Am abschlie\u00dfenden Stufenaufgang mobilisierte Jonathan seine letzten Kr\u00e4fte. Seine F\u00fc\u00dfe wurden denen eines durstigen Hirschen gleich und er schaffte einen auf gleicher H\u00f6he stattfindenden Zieleinlauf. Die einige Zeit sp\u00e4ter eingetroffenen Frauen \u00fcberreichten den Kampfh\u00e4hnen als Gewinnerpokal eine Mineralwasserflasche. Ein weiterer Lohn f\u00fcr die Strapazen war der sich bietende Blick auf die karge Seen- und Berglandschaft. Das folgende Wettrennen-Mittagessen in einem Gartenrestaurant bezahlte der schm\u00e4chtige Ulf zum ersten Mal selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Essensgesellschaft machte sich auf den Weg an die Adria, um die f\u00fcr April ungew\u00f6hnlich hohen Temperaturen zu genie\u00dfen. Ulf besa\u00df einen alten VW-Bus und wollte sich aus Dankbarkeit gegen\u00fcber seinen neuen Freunden mit dem Anblick der unber\u00fchrten und unbebauten Mittelmeerk\u00fcste revanchieren. Am Strand hatten sich einige albanische Familien versammelt, und Jonathan beobachtete eine kleinere Gruppe von Einheimischen beim Blitzschach. Beim Kiebitzen stellte er fest, dass die M\u00e4nner das Schnellschachspiel mit der Uhr, bei dem jeder Spieler f\u00fcnf Minuten Zeit bekam, gut beherrschten. Er wurde auf Englisch eingeladen eine Partie um Geld mitzuspielen und ihm war klar, dass er als reicher Tourist ausgenommen werden sollte. In seinem Leben wurde Jonathan immer wieder bel\u00e4chelt und untersch\u00e4tzt, was er auf seine b\u00fcbische Stimmlage und seinen schmalen Oberk\u00f6rper zur\u00fcckf\u00fchrte. Jonathan gewann nicht nur eine Partie nach der anderen, sondern er zog seinen Gegnern auch noch s\u00e4mtliches Geld aus der Tasche. Er war m\u00e4chtig stolz, denn seine h\u00fcbschen Begleiterinnen fingen an, ihn zu bewundern, da sie zuvor nichts von seinem Talent wussten. Umso mehr prahlte der blonde Lockenkopf auf dem R\u00fcckweg von seinen vielen Erfolgen und Auszeichnungen. Ein Auto \u00fcberholte den Bus von Ulf Gouderner und zwang ihn zum Anhalten. Die vierk\u00f6pfige Gruppe der Schachspieler \u00f6ffnete w\u00fctend die Schiebet\u00fcr und verlangte von Jonathan, das gewonnene Geld zur\u00fcckzugeben. Ulf dr\u00e4ngte Jonathan der Forderung nachzukommen und warnte ihn vor der vorherrschenden Blutrache. Jonathan wollte nicht h\u00f6ren, schlie\u00dflich hatte er als ehrlicher Verlierer seine Spielschulden immer bezahlt. Ein heftiger Streit entwickelte sich, der in Handgreiflichkeiten und schlie\u00dflich in einem Ko-Schlag endete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Jonathan wieder aufwachte lag Ulf seitlich in seinem Bett und dr\u00fcckte sein Herz auf das Herz in seiner Brust. Jonathan hatte zun\u00e4chst Angst, dass Gouderner vom anderen Ufer w\u00e4re, doch dieser hatte nur f\u00fcr ihn gebetet. Der Geistliche fragte ihn unvermittelt warum er nach Albanien mitgeflogen sei. Jonathan err\u00f6tete und gestand, dass der Hauptgrund das Verlangen nach einer Freundin war. Ein vergessener Ratschlag wiederholte sich. \u201eTrachte zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und alles was du sonst ben\u00f6tigst wirst du bekommen. Suche den Willen Gottes f\u00fcr jeden Tag und tue alles zu seiner Ehre\u201c, waren die Worte des Seelsorgers. Beim abendlichen Essen genoss es Jonathan sichtlich, von seinen Begleiterinnen bemitleidet und von Reinhild an seinem Kinn gek\u00fchlt zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der folgende Tag brachte ein weiteres, unvergessliches Abenteuer f\u00fcr den Fiktionshelden Jonathan Fischer. Ulf Gouderner hatte die Idee albanische Neue Testamente zu verschenken, indem Zweiergr\u00fcppchen die Stra\u00dfen abklapperten und an den H\u00e4user klingelten. Zun\u00e4chst traf man sich in den Gemeinder\u00e4umen des netten evangelikalen Jugendpastors Ares Kaftalli, um die Taschen mit den B\u00fcchern \u00fcber den Neuen Bund zu f\u00fcllen. Bei den vielen attraktiven Damen fiel es Ares nicht schwer, sechs ausgewachsene Mannsbilder als Dolmetscher zu motivieren. Einzig das Gr\u00fcppchen um Jonathan und Reinhild war der Landessprache nicht m\u00e4chtig, was sich als Nachteil entpuppte. Verst\u00e4ndlicherweise stie\u00df das neue Paar gerade bei moslemisch gepr\u00e4gten Haushalten auf Ablehnung verkn\u00fcpft mit unverst\u00e4ndliche Schimpftiraden. Eine gr\u00f6\u00dferes Sorge bereitete Reinhild die in den H\u00f6fen herum streunenden Hunde, vor denen sie tierischen Respekt hatte. Jonathan genoss es, den Besch\u00fctzer zu spielen und den Viechern entschlossen entgegen zu treten. Ein \u00e4lterer Herr beobachtete das Treiben und winkte sie her\u00fcber. Dankbar nahm er ein Buch an und begann darin zu bl\u00e4ttern. Er freute sich sehr dar\u00fcber. Jonathan und Reinhild mussten in seinem Vorgarten Platz nehmen und bekamen von der Tochter des Hauses auf einem Tablett einen t\u00fcrkischen Kaffee serviert. Der eigentliche Gastgeber war in sein Haus verschwunden, um mit einem kleinen Schwert und ein paar Spie\u00dfen wieder zur\u00fcck zu kommen. Reinhild wurde noch \u00e4ngstlicher. Hilfe suchend umarmte sie Jonathan. Wohlwollen signalisierend legte der albanische Rentner seine Mordwerkzeuge beiseite. Er steckte immer wieder seinen rechten Zeigefinger in seinen zu einem Kreis geformten linken Zeigefinger und Daumen und deutete abwechselnd auf die Besucher, die vor Scham rot anliefen. Nachdem sich die Lage zu entspannen schien, nahm der sich drehende Derwisch die Spie\u00dfe und durchstach damit seine Backen, wohlgemerkt die Eigenen. Jonathan f\u00fchlte sich an Fernsehreportagen von philippinischen Karfreitags-Prozessionen erinnert und die Zahn\u00e4rztin Scheu sch\u00fcttelte, ob dem hohen Infektionsrisiko den Kopf. Der gut gemeinte ekstatische Auftritt war ihr viel zu viel. Mit einem hektischen \u201eMirupafshim\u201c, das eher als Nimmer-Wiedersehen gemeint war, sprangen die Deutschen davon. \u201eAch\u201c, seufzte Reinhild, \u201emuss Evangelisieren immer so m\u00fchevoll und aufregend sein?\u201c Jonathan bekam den Einfall zu beten: \u201eLieber Jesus, hilf uns dein Wort ohne Stress und Krampf auszuteilen.\u201c Das Gebete nicht immer sofort erh\u00f6rt werden, offenbarte die Begegnung mit der n\u00e4chsten Hundemeute. Warum auch immer f\u00fcgte gerade der h\u00fcpfende, kleinste Kl\u00e4ffer eine minimale Bisswunde an Reinhilds linker Hand zu. Reinhild weinte. Jonathan reichte ein Taschentuch. Eine gro\u00dfe Sch\u00fclerschar n\u00e4herte sich, die Unterrichtsende hatte. \u201eWenn ihr nicht werdet wie die Kinder k\u00f6nnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen!\u201c, res\u00fcmierte Jonathan und Reinhild begriff: \u201eDann teilen wir die Schriften an die j\u00fcngsten J\u00fcnger aus. Die nehmen das Wort mit Freude an!\u201c So fand die Verteilaktion erst recht ein erfolgreiches Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Mittag wurde ein Spaghetti-Essen in den Gemeinder\u00e4umen gereicht. Ares und Ulf wollten den gelungenen Brieftr\u00e4ger-Verlauf am Nachmittag fortsetzen, was auf wenig Gegenliebe bei Reinhild Scheu stie\u00df. Deshalb wurde sie \u00fcberredet, zur Abwechslung den erfahrenen schwedischen Evangelisten zu begleiten, w\u00e4hrend Jonathan die \u00e4u\u00dferst charmante Helen Richards zugeteilt bekam. Zun\u00e4chst setzten sich jedoch die Probleme fort, weil das neue Gl\u00fcck wiederum auf viel Ablehnung stie\u00df. \u201eIch f\u00fchle mich wie ins kalte Wasser geworfen, Helen!\u201c \u201eDann m\u00fcssen wir wie Jona im Fisch anfangen den Herrn zu preisen, Jona-than Fisch-er!\u201c Oh, was f\u00fcr eine wundersch\u00f6ne Stimme diese Frau besa\u00df. Kein Wunder werden so viele Lieder in Englisch gesungen, ging es dem deutschen S\u00e4nger durch den Kopf. Die geistige Atmosph\u00e4re hatte sich ver\u00e4ndert, denn auf einmal wurde eines nach dem anderen der Neue Testamente angenommen. Das man sich nicht zu fr\u00fch freuen soll, indem man den Tag vor dem Abend lobt, lehrte eine Frau die das \u00fcberreichte Buch argw\u00f6hnisch be\u00e4ugte, um es hierauf Jonathan an den Kopf zu hauen. Sie schrie wohl auf Albanisch, dass sie \u201ekatolike\u201c w\u00e4re, meinte der auf seine Brust deutende und ebenfalls \u201ekatolik\u201c (katholisch) aussprechende deutsche Missionar zu verstehen. Die Tochter wurde hinzugerufen. Das vor dem Schulabschluss stehende M\u00e4dchen sprach Franz\u00f6sisch. \u201eOh, mon Dieu\u201c, Jonathan hatte die Fremdsprache mit einem Mangelhaft abgew\u00e4hlt. Helen und ihr Begleiter wurden in die gute Stube herein gebeten. Jonathan punktete mit seiner kl\u00f6sterlichen Verwandtschaft, der vor kurzem verstorbenen Schwestertante Hanna, die Nonne war. Die holprige Unterhaltung machte deutlich, dass ein Katholik die Bibel nicht lesen soll, weil er sie sowieso nicht verstehen kann. Schlie\u00dflich war es in den vergangenen Jahrhunderten lediglich den Klerikern vorbehalten die Vulgata &#8211; lateinische Version der Bibel \u2013 zu gebrauchen. Nach diesen Erl\u00e4uterungen versuchte die Gastgeberin ihre Tochter Lea mit Jonathan zu verkuppeln. Das M\u00e4dchen war in der Tat bildh\u00fcbsch und versuchte Jonathan ebenfalls, mit charmanten Augenaufschl\u00e4gen um die Finger zu wickeln. Helen beobachtete alles f\u00fcr kurze Zeit interessierter, aber die angehende Lehrerin verstand nur Bahnhof. Nachdem die Gespr\u00e4che bei den Preisverhandlungen angekommen waren bzw. die zuk\u00fcnftige Schwiegermama sich nach etwaigen L\u00e4ndereien und H\u00e4usern in Deutschland erkundigte, zog es der Witzbold Fischer vor, gemeinsam mit Helen die Heimreise in ihr Quartier anzutreten. Beim bevor stehenden Abendessen tauschten sich die Teilnehmer aus, und haupts\u00e4chlich Helen hatte viel zu lachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen verlie\u00df die Gruppe das Gebiet um den Shkodrasee in Richtung albanischer Alpen. Diesmal hatte Ulf einen kantigen Puch G-Modell Gel\u00e4ndewagen von Ares Kaftalli organisiert. Das Transportgef\u00e4hrt hatte ebenfalls vierhunderttausend Kilometer auf dem Buckel und hatte im Rekordfall schon vierzehn Personen bef\u00f6rdert. Wenigstens die Ersatzteilversorgung schien in dem Entwicklungsland zu funktionieren, folgerte Jonathan. Er liebte es, zwischen Helen Richards und Reinhild Scheu eingequetscht im senkrechten Kasten-Nutzraum zu sitzen. Die Haut seiner Nebensitzerinnen f\u00fchlte sich weich an, wie die eines Babys, wenn sich ihre Arme ungewollt bei der Bergauffahrt durch zahlreiche Serpentinen ber\u00fchrten. Die Unterhaltung wurde immer angeregter, als sie an einen unber\u00fchrten Gebirgsee gelangten. Dort wollten sie ihr mitgebrachtes Vesper einnehmen und eine l\u00e4ngere Zeit in der Fr\u00fchlingssonne verbringen. Jonathan imponierte der Gruppe, indem er in das kalte Wasser sprang. Ulf hatte schon angek\u00fcndigt, dass ganz abgeh\u00e4rtete Schwimmer ihre Badesachen mitbringen sollen. Helen und Reinhild folgten Jonathan ins Wasser und genossen es, ihn nass zu spritzen. Als diese zwei himmlischen Wesen das Wasser mit ihren feuchten Badeanz\u00fcgen verlie\u00dfen, wusste Jonathan nicht wo er zuerst hinschauen sollte. Ihm schien es so, als ob er noch nie sch\u00f6nere Rundungen und Merkmale vom anderen Geschlecht wahrgenommen hatte. Hormone wurden in seinem K\u00f6rper ausgesch\u00fcttet und sein Blut begann schneller zu zirkulieren. Der aufmerksame Missionar Gouderner nahm dies zum Anlass, ihn bei Seite zu nehmen. Er zeigte ihm eine Stelle in der Bibel wo stand, dass man eine Jungfrau nicht l\u00fcstern anschauen soll. Er erkl\u00e4rte ihm weiter, dass Gott ihm genau zum richtigen Zeitpunkt eine Frau schenken w\u00fcrde mit der er sch\u00f6ne erregende Erlebnisse haben d\u00fcrfte. Er betete f\u00fcr ihn, dass er seine Aufgabe als Begleiter im Sinne Gottes richtig wahrnimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei Jungen im pubert\u00e4ren Alter n\u00e4herten sich, die von weitem das Treiben am See verfolgt hatten. Ulf erkl\u00e4rte Jonathan er habe den Eindruck, dieser soll den Gebirgsbewohnern seine erste Missionspredigt halten, mit ihm als \u00dcbersetzer. Die Erlebnisse als Fahrer bei der Leichtathletik WM begeisterten diese so stark, dass sie eine halbe Stunde gespannt zuh\u00f6rten. Bevor sie gingen nahm jeder der drei moslemisch erzogenen Einheimischen freudig eine Bibel an. Zwei der blonden christlichen T\u00e4nzerinnen hatten die Idee, zum Abschied f\u00fcr sie zu beten, was sofort dankbar angenommen wurde.<\/p>\n<p>Nachdem die Gruppe eine wundersch\u00f6ne Zeit im albanischen Gebirge verbracht hatte, begab sie sich auf den Heimweg. Es begann zu d\u00e4mmern und wiederum wurde ihr Fahrzeug von einem anderen Wagen zur Seite gedr\u00e4ngt und zum Anhalten gezwungen. Zwei zwielichtige M\u00e4nner, die an der Seite eine Pistole trugen, inspizierten das Fahrzeug. Es schien so, als ob sie sich bei Ulf auf albanisch erkundigten, woher die Mitfahrer stammen, weil er jeden von ihnen beim Namen nannte. Einer der M\u00e4nner \u00f6ffnete die Heckt\u00fcr und fasste Helen an ihren Armen. Jonathan flippte aus und wollte abermals handgreiflich werden. Der hinzugekommene Ulf beruhigte ihn und sagte, sie sollen einfach aus dem Kofferraum herauskommen. Die zwei albanischen Ordnungsh\u00fcter durchsuchten den hinteren Wagenteil, gaben sich mit einer Coca-Cola Flasche zufrieden und brausten weiter ihres Weges. Dass zehn Leute in einem f\u00fcr f\u00fcnf Personen zugelassenen Wagen bef\u00f6rdert wurden, st\u00f6rte in diesem Land die Polizei \u00fcberhaupt nicht. Jonathan lie\u00df das Tagesgeschehen vor dem Einschlafen nochmals Revue passieren. Er f\u00fchlte sich wie auf einer Achterbahnfahrt der Gef\u00fchle, wenn er an Helen und Reinhild dachte. Er wusste nicht f\u00fcr welche der zwei er sich entscheiden sollte, da jede auf ihre Art \u00e4u\u00dferst attraktiv und sympathisch war. Er erlebte gedankliche H\u00f6hen- und Tiefenfl\u00fcge und fragte sich, ob er bei einer der Angehimmelten Chancen hat und welche die Richtige sei. Anstelle sich weiter eine der H\u00fcbschen bildlich vorzustellen, sah er pl\u00f6tzlich in seinem Kopf die drei Jungs, denen er Zeugnis gegeben hatte. Ein unbeschreibliches Gef\u00fchl der Freude umgab ihn und Tr\u00e4nen kullerten \u00fcber seine Backen. Er erinnerte sich an die Vorhersage der Nonne, er solle Pfarrer werden. Hatten ihm nicht zwei Pastoren mit ihren Ratschl\u00e4gen versucht deutlich zu machen, auf das selbe Ziel hinzuarbeiten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zweiw\u00f6chige Osterurlaub neigte sich seinem Ende zu. Gouderner brachte die G\u00e4ste in seinem VW-Bus mit dem Gep\u00e4ck auf dem Dachtr\u00e4ger an den Flughafen nach Tirana. Er sprach von einer kommenden Erweckung und legte die wegweisende Ohrwurmcassette \u201eI have loved you\u201c von dem christlichen Songwriter Kent Henry ein. Jonathan gingen die Lieder \u201eHelp us\u201c und \u201ePrayer for the wounded\u201c nicht mehr aus dem Kopf, so dass er sich nach seiner Ankunft in Stuttgart die 1993 produzierte CD im am Charlottenplatz 6 gelegenen Charisma Shop besorgte. Jonathan deckte sich in diesem christlichen Buchladen regelm\u00e4\u00dfig mit Tontr\u00e4gern und Literatur ein. Besonders freute er sich sp\u00e4ter \u00fcber einen Bestseller von Ulf Gouderner, der von wahrem geistlichen Leben handelte. Die erfolgreiche theologische Abhandlung mit dem Titel \u201eEin verletztes Schaf ist wichtiger als neunundneunzig Gesunde\u201c, zeigte Gemeindeleitern und Laien wie notwendig es ist, seelisch verwundeten Menschen in der Kirche zu helfen. Sp\u00e4ter sorgte Ulf bei seiner R\u00fcckkehr in den hohen Norden nach Schweden f\u00fcr Furore, indem er die am schnellsten wachsende Landeskirchliche Gemeinschaft Europas gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-4-die-reise-nach-albanien.mp3 &nbsp; Die Reise nach Albanien &nbsp; Jonathan Fischer startete \u00fcber das Internet einen englischen Bibelfernkurs, auf den ihn Vera Fischer gesto\u00dfen hatte. Diese Frau war ein Glaubensvorbild f\u00fcr Jonathan und ihn \u00fcberraschte nicht von ihr zu h\u00f6ren, dass sie sich auf eine gef\u00e4hrliche Reise in das mit Bunkern und Munitionsresten \u00fcbers\u00e4te Albanien begeben wollte. 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