{"id":48,"date":"2008-04-07T14:04:25","date_gmt":"2008-04-07T14:04:25","guid":{"rendered":"http:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=48"},"modified":"2021-01-03T16:35:29","modified_gmt":"2021-01-03T16:35:29","slug":"1-kapitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonathanfischer.de\/?page_id=48","title":{"rendered":"1. Kapitel"},"content":{"rendered":"<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-48-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-1-jonathan-fischers-kindheit.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-1-jonathan-fischers-kindheit.mp3\">https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-1-jonathan-fischers-kindheit.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jonathan Fischers Kindheit, die Lebensfiktion des \u201eRufenden Geschenkes\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem Ostersonntag vor etwa vierzig Jahren wurde der Held dieser Geschichte, Jonathan Fischer in einem Stuttgarter Krankenhaus geboren. Das Baby war sechs Tage \u00fcber der errechneten Zeit, hatte ein sattes Gewicht von sechs Kilogramm und eine erstaunliche K\u00f6rperl\u00e4nge von sechzig Zentimeter. Die Geburtshelferin sprach begeistert von einem Gl\u00fcckskind, da bei der Geburt die Fruchtblase wie eine M\u00fctze um sein kleines Gesicht geflochten war und ein ungew\u00f6hnliches Muttermal in Form eines Kreuzes seine Brust zierte. Den Arzt irritierten die Feuermale an der Unterlippe und die Blutschw\u00e4mmle an der Stirn, die dem Kleinkind ein sonderbares Aussehen verliehen. Nach acht Tagen wurde das Windelkind an der Kopfhaut operiert und bekam dadurch eine merkw\u00fcrdige Antenne als Nahtnarbe in den vorderen Haaransatz gezeichnet. Und in der Tat sollten sich weiterhin die ungew\u00f6hnlichsten Erlebnisse in Jonathan Fischers Leben abspielen. Zun\u00e4chst einmal waren die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde scheinbar nicht die besten f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Kindheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathans Eltern hatten sich in der Nikolauspflege, einer Einrichtung zur F\u00f6rderung von Blinden und Sehbehinderten kennen und lieben gelernt. Bevor sie heirateten versicherten die \u00c4rzte, dass die Kinder nicht erblich bedingt blind sein m\u00fcssen, und so bekamen sie zwei gesunde S\u00f6hne. Jonathan war f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger als sein Bruder Thomas und versuchte diesem Vorbild zun\u00e4chst in allem nachzueifern. Als eines der ersten Dinge \u00fcbernahm er seine Legosteine mit denen er sich stundenlang alleine besch\u00e4ftigte. Viel Spa\u00df bereitete ihm auch, wenn Thomas ihn zum Kicken auf den Jugendhausbolzplatz mitnahm. Beim Ball spielen zu Hause ging auch schon einmal ein Vase zu Bruch, die notd\u00fcrftig zusammengeklebt wurde, um das wilde Treiben zu vertuschen. Die gr\u00f6\u00dfte Freude bereitete Jonathan, wenn er mit seinem Bruder Carrera Rennbahn oder Eisenbahn spielte. Als sich die Br\u00fcder an einem Heiligen Abend wieder einmal zankten, brachte das Christkind die zwei hei\u00df ersehnten M\u00e4rklin Lokomotiven erst nach der sp\u00e4tabendlichen Christmette. Das einzige schwerwiegende Erlebnis in Jonathans Kindheit war ein leichter Kindesmissbrauch, und ein kleines Beschwernis empfand er darin, dass seine Eltern keinen F\u00fchrerschein hatten. Es war schon ein kleines Wunder wie gut die Eltern den Alltag meisterten. Seine geliebte Mutter Anna schmiss den Haushalt mit Bravour und der Vater Alfred ging tagein und tagaus einer eint\u00f6nigen, die Familie gut versorgenden B\u00fcrot\u00e4tigkeit nach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Schule war Jonathan ein von Erfolg verw\u00f6hnter Typ. Mit seinen besten Freunden Walter und Frank, mit denen er schon in den Kindergarten gegangen war, stand er im Wettbewerb, wer die besten Noten bekommt. Jonathan erinnerte sich gerne an das gemeinsame Bild mit den von Bonbons gef\u00fcllten Schult\u00fcten, das vor der Anne-Frank-Grundschule entstand. Denn Walter und Frank Stein waren ein immer identisches angezogenes Zwillingsp\u00e4rchen, das im dreizehnten Stock des Hochhauses Salute im Fasanenhof wohnte. Jonathan residierte genau sieben Stockwerke tiefer in einer gleich geschnittenen Vierzimmerwohnung. Es war logisch, dass die drei Freunde sich immer abwechselnd in den Hochhauswohnungen trafen und viel Freizeit miteinander verbrachten. Der Wolkenkratzer hatte einen riesigen Spielplatz auf dem sie ihre gl\u00fcckliche Kindheit ausleben konnten. Im Winter brausten sie den so genannten Salatbuckel auf dem Schlitten hinunter und im Sommer wurden ausgiebige Fahrradtouren wie ins nahe liegende Siebenm\u00fchlental unternommen. Die einzige brenzlige Situation ergab sich, als sie die Kanalr\u00f6hre der nahe gelegenen K\u00f6rsch durchforschten, die Orientierung verloren und von der Feuerwehr befreit werden mussten. In der Grundschule erzielten die drei Blutsbr\u00fcder in den Klassenarbeiten fast nur Einsen. Sie k\u00e4mpften und duellierten sich im Pausenhof und wollten auch beim Fu\u00dfballspiel ausprobieren, wer der St\u00e4rkere ist. Ja, auch beim L\u00f6sen von Rechenaufgaben, beim ordentlichen Erledigen der Hausaufgaben und selbstverst\u00e4ndlich bei den Zeugnissen wollte jeder immer der Beste sein. Die unnat\u00fcrlichen Drillinge waren unzertrennlich und stellten schnell die Weichen zum Besuch des Gymnasiums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Freude bereitete Jonathan seine Ferienaufenthalte in einem Schwarzwaldbauernhof in Fischerm\u00fchlbach. Er hatte einen gleichaltrigen Cousin namens Wolfram mit dem er \u00e4hnlich sch\u00f6ne Naturerlebnisse, wie in dem Kinderbuch \u00fcber Heidi machte. Am Morgen trieben sie gemeinsam die als Reittiere benutzten K\u00fche auf die Bergweide, und auf dem R\u00fcckweg lie\u00dfen sie ihre Segelflieger in schier unendlichen Schleifen in Richtung Tal gleiten. Die Burschen legten sich regelm\u00e4\u00dfig in einer Waldlichtung unter die K\u00fche und zapften deren Euter an. Mit ihren Taschenmessern schnitzten sie Pfeil und Bogen, damit sie vor tollw\u00fctigen F\u00fcchsen gewappnet w\u00e4ren. Sie liebten es, in der Abendd\u00e4mmerung von ihrem Opa auf einem Jeep in die umliegenden Jagdgebiete mitgenommen zu werden, um auf verschiedenen Hochst\u00e4nden gemeinsam mit Waldi auf die Pirsch zu gehen. Ihre Bubenherzen schlugen regelm\u00e4\u00dfig h\u00f6her, als die kleinen Hofhunde einen Spielkamerad suchten und sie im Gesicht ableckten. Auf n\u00e4chtlichen Taschenlampen-Ausfl\u00fcgen konnten sie ihre Abenteuerlust ausleben. Sie erschreckten ein frisch verlobtes Liebespaar, als sie mit den Funzeln in ihr Auto leuchteten, um danach schnell das Weite zu suchen. Die Spitzbuben besuchten die im Freien \u00fcbernachtenden Nachbarjungen, indem sie die Heringe aus ihren Zeltschn\u00fcren heraus rissen und sie aufweckten. Als sie es wie Max und Moritz zu weit trieben und die Fahne eines Royal Ranger Camps entf\u00fchren wollten, wurden sie von der Nachtwache ertappt und unter gro\u00dfem Gel\u00e4chter gefesselt in eine Jauchegrube gesetzt. Die Oma Marie tr\u00f6stete sie am n\u00e4chsten Tag mit ihrem Lieblingsgericht Dummis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der gl\u00fccklichste Tag in Jonathans Leben nahte. Er bereitete sich mit seinem Cousin auf die Erstkommunion vor und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Fr\u00fchmesse. Am Tag des Festes wurde er nicht nur mit den tollsten Geschenken \u00fcberh\u00e4uft, sondern bekam seine erste \u00fcbersinnliche Gotteserfahrung. Er empfand die Gegenwart Gottes nach der Einnahme des Abendmahls f\u00fcr so \u00fcberw\u00e4ltigend, dass er sp\u00fcrte, wie durch eine unsichtbare Kraft auf der Kirchenbank festgehalten zu werden, um scheinbar dieses \u00fcberw\u00e4ltigende Gef\u00fchl nie zu verlieren. Es war schon ein ungew\u00f6hnlicher Anblick als er alleine im Gottesdienst zur\u00fcckblieb, w\u00e4hrend die anderen Buben mit ihren blauen Samtanz\u00fcgen und wei\u00dfen Kerzen sich schon auf den Weg vor die Barockkirche begaben. Die Tante Sophie und der Onkel Fritz halfen ihm st\u00fctzend nach drau\u00dfen und erkl\u00e4rten, dass er zuviel Weihrauch eingeatmet hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan ging immer wieder in den Schulferien in seinen geliebten Schwarzwald und besuchte zun\u00e4chst die Gro\u00dftante Luise Theresia Fischer im Kloster. Sie war schon 84 Jahre alt und trug schon seit ihrem 24. Lebensjahr den Ordensnamen Schwester Hanna. Jonathan wurde zum Kaffee und Kuchen eingeladen und ging danach in die Kapelle, um mit der Schwestertante einen Rosenkranz mitzubeten. Sie sa\u00dfen beide alleine auf einer vorderen Kirchenbank und rezitierten in Richtung der Mutter Gottes Statue. Am Ende der unendlich ablaufenden Wiederholungen nahm die Ordensfrau seine Hand und fing an zu weissagen: \u201eDu wirst einmal katholischer Bischoff werden und selbst H\u00f6heres ist m\u00f6glich. Bei den Menschen ist es unm\u00f6glich, nicht so bei Gott. Alle Dinge sind m\u00f6glich bei Gott.\u201c Jonathan wurde angenehm ber\u00fchrt und ihm war ganz warm ums Herz. Anstelle Schachb\u00fccher zu w\u00e4lzen, las er nun die als Geschenk bekommene Familienbibel von vorne nach hinten durch. Freilich verstand er die meisten Geschichten nicht, und die Sache geriet in Vergessenheit. Trotzdem eignete er sich ein Grundwissen an, das ihm sp\u00e4ter n\u00fctzlich sein sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter ging es in den gro\u00dfen Schwarzwaldhof mit der Adresse Fischerm\u00fchlbach 22. Jonathan freute sich auf die gemeinsame Zeit mit Wolfram, denn sie trieben gerne viel Unsinn im Stil von Michel aus L\u00f6nneberga. Zun\u00e4chst einmal machten Sie das Pferd von Opa Sepp scheu, indem sie auf ihr Baumhaus kletterten und einen Knallfrosch los lie\u00dfen. Der unter dem Marillenbaum durchreitende Gro\u00dfvater ahnte nichts und landete gemeinsam mit dem ausgequaktem Feuerk\u00f6rper auf seinem Allerwertesten im Bach. Ihre Entschuldigung wurde gerade so akzeptiert, so dass sie am Nachmittag mit dem Traktor in den Tannenwald mitgenommen wurden. Auf dem R\u00fcckweg beim Einbiegen in die Talstra\u00dfe fragte der Lenker seinen Gastenkel, ob die Stra\u00dfe frei ist. Jonathan hatte den besseren Blick, weil er erh\u00f6ht auf dem Kotfl\u00fcgelsitz sa\u00df. Gehandicapt durch seine gro\u00dfe Zahnl\u00fccke in den oberen Schneidez\u00e4hnen antwortete der Schwabe \u201eBolisei\u201c, was der schwerh\u00f6rige Opa mit \u201esisch frei\u201c auf alemanisch \u00fcbersetzte. Ein geh\u00f6riger Schlag mit zwei zerst\u00f6rten Frontpartien war der Zusammenprall. Wenigstens konnten die Polizisten den Unfall gleich aufnehmen und mussten nicht extra anreisen. Am n\u00e4chsten Tag hatte Sepp sich wieder beruhigt, ging in seinen dunklen Schuppen und machte sich an seiner neuen Schnaps Destillerie zu schaffen. Die Kirschen waren zur Maische geworden, die Maische wurde destilliert und fertig war der Branntwein. Der Opa hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil er noch keine Genehmigung zum Brennen erhalten hatte. Umso mehr freute er sich \u00fcber die erste Kostprobe des schwarz gebrannten, klaren Kirschwassers. Er wollte noch etwas Quellwasser zusetzen als just in diesem Moment Jonathan drau\u00dfen rief: \u201eBolisei, Bolisei, Bolisei!\u201c Der verschreckte Opa lie\u00df die kostbare Menge von 60 Liter hastig in den benachbarten Fischteich ablaufen. Die beschwipsten Forellen seines Weihers, nahmen sogleich freudig ein Bad an der Sonne und hauchten den Schwarzw\u00e4lder Geist aus. Jonathan f\u00fchlte sich unschuldig, weil jeder der zu Besuch gekommenen Nachbarskinder lediglich eine laute Durchsage seiner gestrigen Verkehrswarnmeldung wiederholt haben wollten. Wenigstens mit der kostbaren Kirschenmaische konnten die Spitzbuben etwas anfangen und verk\u00f6stigten zun\u00e4chst die Schweine. Auch die H\u00fchner fanden daran Gefallen, und Waldi der Rauhaardackel wollte auch etwas ab haben. Das folgende Schauspiel erinnerte Jonathan an seine Karussellfahrten und Bierzeltbesuche auf dem Cannstatter Volksfest. Den armen Tieren wurde es schwindelig, sie torkelten auf den Boden und schliefen erm\u00fcdet ein. Die schlimmsten Streiche folgten zugleich:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einer ihrer Goldsch\u00fcrfungen im Fischerm\u00fchlbach fanden die Zwei statt der erhofften drei Goldnuggets nur zwei Bleik\u00fcgelchen, die ein J\u00e4ger verschossen hatte. Sie \u201eliehen\u201c sich ein Luftgewehr aus und probierten, wer der bessere Sch\u00fctze war. Jonathan zielte auf einen 39 Meter entfernten schwarzen Vogel, den er treffend Willibaldraben nannte. Der Ungl\u00fccksvogel ruhte sich gerade auf einem magischen vor Unheil sch\u00fctzenden Holzpflock aus. Jonathans Schuss wurde absichtlich 13 Zentimeter \u00fcber dem gro\u00dfen Schnabel der kr\u00e4chzend davonfliegenden Kr\u00e4he abgesetzt. Drei ihrer Schwanzfedern waren herunter geflogen und auf dem Misthaufen gelandet. Wolfram visierte mit dem zweiten Schuss zwei etwa 50 Meter entfernt liegende runde rosa Zielscheiben an und traf ebenso gut. Laut quiekend nahm der Eber rei\u00df aus, als er schmerzhaft im Allerwertesten getroffen wurde. Der ahnungslose Gras m\u00e4hende Opa musste f\u00fcr die Schandtat der Spitzbuben b\u00fc\u00dfen, weil ihn die Sau mit ihren Eckz\u00e4hnen attackierte und w\u00fcst ins Bein biss. Opa Sepp r\u00e4chte sich und stach das Tier mit seiner Sense in den Tod. Die beiden Pumuckls und das Gewehr hatten sich inzwischen schnell in Luft aufgel\u00f6st. Der wie eine gestochene Sau weggelaufene Eber sorgte einige Monate sp\u00e4ter wieder f\u00fcr geh\u00f6rigen Munitionsstoff. Der unschuldige Opa zerst\u00f6rte zwei F\u00fcllungen, als er mit ihnen zu explosiv auf das unverhoffte Projektil im ger\u00e4ucherten Schwarzw\u00e4lder Schinken traf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan und Wolfram k\u00e4mpften gerne, um auszuprobieren wer der St\u00e4rkere sei. Der sich als klein und zackig bezeichnende Hoferbe gewann mit zunehmendem Alter durch seine Betriebsamkeit die \u00dcberhand. Au\u00dferdem bezwang Wolfram zahlreiche andere Gegner in seiner Zweikampfsportart Ringen. Jonathan h\u00e4tte sich nie zugetraut, wie Wolfram den riesigen Zuchtbullen an seinem Nasenring, aus der Deckung zum Ausleben ins Freie zu f\u00fchren, was ihm gro\u00dfen Respekt einfl\u00f6\u00dfte. Die im Regen stehenden Pubertierenden gingen daraufhin lieber zu den Bienen in das Dachh\u00e4uschen, um eine aus Zeitungspapier und S\u00e4gemehl bestehende Zigarre zu r\u00e4uchern und ihre Bildung zu vergr\u00f6\u00dfern. Das Betrachten von H\u00e4schenanzeigen in den Magazinen, die der gro\u00dfe Bruder in dem Penthouse versteckt hatte, fanden die zwei Playboys genau da interessant. Erregenderweise entz\u00fcndete einer der unachtsam weggeworfenen S\u00e4gemehl-Brands\u00e4tze das morsche Holz, und wiederum musste die Bolisei anr\u00fccken. Diesmal allerdings gemeinsam mit der Feuerwehr. Damit war das Fass endg\u00fcltig zum \u00dcberlaufen gebracht, und die zwei Lausbuben wurden in zwei Kammern des von weitem sichtbaren gotischen Dorfturmes gesperrt. Jonathan sa\u00df links, Wolfram rechts und in der Mitte der Dorfpfarrer Joseph Peccadillo, der die von einem Zettel herunter gelesene Beichte nacheinander abnahm. Zur Strafe musste Jonathan eine Woche lang mit einer Strohgabel das Schafhaus auskehren, und Wolfram transportierte den dampfenden Brei des Ochsenstalls mit einer Karre auf den Misthaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Stuttgart stellte sich eine gewisse Eifersucht bei dem muffelnden Jonathan gegen\u00fcber den hellen Stein-Zwillingen ein. Denn diese begannen, ihn bei den schulischen Leistungen zu \u00fcbertreffen. Er empfand es als ungerecht, dass seine Eltern nicht Englisch und Franz\u00f6sisch sprachen und ihn im Urlaub nicht wie seine Spielkameraden nach New York oder Paris mitnehmen konnten. Auch bei den Hausaufgaben konnte er nicht dieselbe Unterst\u00fctzung bekommen, wie es durch die akademischen Stein-Eltern m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Eines Tages luden ihn Walter und Frank in die Schachgemeinschaft Fasanenhof ein und \u00e4rgerten ihn zun\u00e4chst, weil sie mehr Trainingserfahrung besa\u00dfen und ihm gegen\u00fcber haushoch \u00fcberlegen waren. Doch dieser Besuch sollte Jonathans Leben f\u00fcr Jahre pr\u00e4gen, denn er wurde geradezu s\u00fcchtig nach diesem k\u00f6niglichen Spiel. Er verschlang ein Lehrbuch nach dem anderen und hatte schnell ein Idol in dem amtierenden Schachweltmeister. So stellten sich die ersten Erfolge ein, und Jonathan bezwang nicht nur regelm\u00e4\u00dfig seine Freunde, sondern auch die anderen Altersgenossen. Die h\u00f6chsten Gl\u00fccksgef\u00fchle stellte sich bei Jonathan ein, als er auf einer Landesgartenschau ein von der Dresdner Bank organisiertes Jugendfinalturnier um das gr\u00fcne Band der Sympathie gewann und mit drei F\u00fcnf-Gramm-Barren Gold und einem wertvollen Zinnteller belohnt wurde. Der Traum von Jonathan, selbst Schachweltmeister werden zu wollen wurde bekr\u00e4ftigt, und sp\u00e4ter sollte er in einem Fernsehwettkampf in K\u00f6ln tats\u00e4chlich gegen sein Idol spielen. Allerdings nicht um die Weltmeisterschaft, sondern er w\u00fcrde schon im Achtelfinale dieses Deutschland-Cups verlieren und ausscheiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jonathan verbrachte immer viel Zeit mit den Zwillingen, die sich unterschiedlich entwickelten. Walter kristallisierte sich als der Genialste in der Schule heraus und Frank interessierte sich zunehmend f\u00fcr das weibliche Geschlecht. So sorgte der Gigolo f\u00fcr eine Sensation im K\u00f6nigin-Charlotte-Gymnasium, als er die selbstbewusste Schulsprecherin schw\u00e4ngerte. Die Atomkraftgegnerin und Pazifistin war drei Jahre \u00e4lter als er und hie\u00df Maxime Tr\u00e4chtig. Jonathan hatte sich hin und wieder gewundert, warum bei den Schultreffen der Friedensinitiative das Licht ausgemacht wurde, um sich im Dunkeln beim Versteckspiel gegenseitig zu begrabschen. Walter durfte mit f\u00fcnfzehn zum ersten Mal bei Jugend forscht teilnehmen und wurde prompt Bundessieger in Physik, da er die Relativit\u00e4tstheorie verfeinerte. Er nervte regelm\u00e4\u00dfig seine Lehrer, weil er sie im Unterricht korrigierte, und selbst das Kultusministerium war vor ihm nicht sicher. Zahlreiche gravierende Fehler in Physik- und Mathematikb\u00fcchern mussten wegen der Geistesgr\u00f6\u00dfe verbessert werden. Gro\u00dfes Aufsehen erregte Walter durch seine Homepage, auf der er seine neuesten Entdeckungen kostenlos der Wissenschaftswelt zur Verf\u00fcgung stellte. Sein eifers\u00fcchtiger Bruder Frank wurde b\u00f6sartig und rebellisch. Er lie\u00df sich verbotener weise am kahl geschorenen Kopf t\u00e4towieren und piercen. Von Vaterfreuden wollte er \u00fcberhaupt nichts wissen. Deshalb dr\u00e4ngte er seine Liaison zu einer Abtreibung. Somit waren die zwei auff\u00e4lligsten Spitznamen der M\u00f6hringer Schule entstanden. Frank Stein wurde \u201eFrankenstein\u201c genannt und Walter Stein erhielt den Rufnamen \u201eEinstein\u201c.<\/p>\n<p>In Jonathan reifte der Wunsch, selbst eine Freundin zu bekommen. Sein br\u00fcderliches Vorbild Thomy war eine Art Casanova, der ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen nach der anderen anbaggerte. Seine Harley Davidson mit dem Nummernschild S-EX 66 w\u00fcrde einmal mit seiner Strichliste von 66 Eroberungen \u00fcbereinstimmen. Der blond gelockte Jonathan mit seiner gro\u00dfen Zahnl\u00fccke war selbst ziemlich verklemmt und wurde seelisch verletzt. Fremde M\u00e4dchen in der Stra\u00dfenbahn, mit denen er flirten wollte, lachten ihn in dem Moment aus, als er begann, seinen breitschaufeligen Mund zu \u00f6ffnen. Trotzdem h\u00e4tte er es nach einem Volksfestbesuch schier geschafft, eine bekannte Schachmeisterin in sein Bett zu bekommen. Zu Hause war sturmfreie Bude, und die z\u00e4rtliche Unterhaltung dauerte bis in die Morgenstunden. Jedoch besa\u00df die Angehimmelte gen\u00fcgend Intelligenz und hatte dazu noch ein feinf\u00fchliges Gesp\u00fcr. Die \u201ewahre\u201c Liebe und Freundschaft verlief im Sande, weil beide merkten, dass er es nur auf eine schnelle Nummer abgesehen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In seiner Bundeswehrzeit stellte sich heraus, dass seine Zahnfehlstellung durch einen Oberkiefertumor bedingt wurde, der ihm operativ entfernt werden musste. Ein Lebensziel von Jonathan war, in die Sportf\u00f6rdergruppe der Bundeswehr aufgenommen zu werden und den Titel eines Schachgro\u00dfmeisters zu erhalten. Seine schulischen Leistungen wurden immer schlechter, da er im Unterricht lieber heimlich Schachprobleme l\u00f6ste und insgeheim stolz war, dem Mathematikprofessor seines Clubs in dem gemeinsamen Geisteshobby weit \u00fcberlegen zu sein. Anstelle auf das schriftliche Abitur zu lernen, besuchte Jonathan in den Weihnachtsferien lieber ein gro\u00dfes Schach-Open in B\u00f6blingen, bei dem er unter dreihundert Teilnehmern den geteilten zweiten Platz belegte. Weitere Gl\u00fcckshormone wurden ausgesch\u00fcttet, die bald wieder ausgeklungen waren, als er die Noten der Pr\u00fcfung in Empfang nahm. Er erwartete schon Schlimmes, da er bei der Deutschpr\u00fcfung so blockiert war, dass er nur drei Er\u00f6rterungsseiten zustande brachte. 3 Mal 2 von 15 m\u00f6glichen Punkten in seinen Pr\u00fcfungsf\u00e4chern war ein Ergebnis, das seinen Lehrern Glauben machte, dass eine Wiederholung der 13. Klasse unumg\u00e4nglich sei. Nun erwachte Jonathans Kampfgeist f\u00fcr die Schule. Er war ein Ausdauertyp der extensive Waldl\u00e4ufe absolvierte und viele Schachpartien nur deshalb gewann, weil er seine Konzentration stetig aufrechterhalten konnte. Das taktische Spiel mit den 32 Figuren auf einem 64 feldrigen Brett dauerte n\u00e4mlich oft 6 bis 8 Stunden ehe ein Resultat feststand. Jonathan fing an, drei Wochen lang bis in die Morgenstunden zu pauken. Als einer der Wenigen wollte er sich in vier F\u00e4chern m\u00fcndlich pr\u00fcfen lassen, um eine Wiederholung des letzten Schuljahrs zu vermeiden. Ausgerechnet der katholische Priester in seinem letzten m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungsfach Religion spielte das Z\u00fcnglein an der Waage. Jonathan liebte und verehrte Pfarrer Benz und dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Das zweitschlechteste Abitur mit einem erb\u00e4rmlichen Notenschnitt von 3,9 war trotzdem ein Grund zum Jubeln und Feiern f\u00fcr beide. Sein Freund Einstein bekam als Schulbester einen f\u00fcr ihn entt\u00e4uschenden Notenschnitt von 1,1. Den Doktor und Professor in Physik w\u00fcrde er in Rekordzeit mit den bestm\u00f6glichen Resultaten abschlie\u00dfen. Der Bruder Frank Stein hatte \u00e4hnliche Konzentrationsprobleme wie Jonathan und schloss mit 3,6 ab. Seinen Traum, F\u00f6rster zu werden und B\u00e4ume f\u00e4llen zu lassen konnte er somit nicht verwirklichen. Daf\u00fcr fand \u201eFrankenstein\u201c als Maschinist in der Holzverarbeitung eine berauschende Bet\u00e4tigung an der riesigen Kreiss\u00e4ge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Idealfall das Hobby zum Beruf zu machen, versuchte Jonathan sofort in Angriff zu nehmen. In der Zeit seines Grundwehrdienstes bekam er sogar vom Staat einen Sold, w\u00e4hrend er in Europa herum reiste, um Turniere zu spielen und seine erstrebten Meisternormen zu machen. Das liebe Geld wurde in dieser Zeit immer wichtiger, schlie\u00dflich musste ein neues Auto finanziert und unterhalten werden. Jonathan brachte es fertig, sein von den Eltern zur Vollj\u00e4hrigkeit geschenkt erhaltenes, erstes Auto zu Schrott zu fahren und sich schier selbst umzubringen. Mit einem lauten Fluch prallte er in einer scharfen Kurve mit seinem VW Golf schr\u00e4g gegen die Vorderachse eines Lastwagens, als er von lauter Rap-Musik begleitet wieder viel zu schnell gefahren war. Das n\u00e4chste Auto musste er selbst als Volksz\u00e4hler und Aushilfsbrieftr\u00e4ger hart erarbeiten. Die Konkurrenz der russischen Spieler fing an, Jonathan \u00fcberhaupt nicht zu gefallen, denn jeder wollte von den Preisgeldern nat\u00fcrlich das gr\u00f6\u00dfte Kuchenst\u00fcck abschneiden. Er lernte mit Evgeny einen der Top Ten-Spieler und russischen Supergro\u00dfmeister kennen, der in seiner M\u00fcnchner Bundesligamannschaft die F\u00fchrungsrolle \u00fcbernahm. Dank dieser Verpflichtung erreichten die acht Mannschaftsspieler die Europaliga. Jonathan erkannte als er in diesen H\u00f6hen ankam, dass er s\u00e4mtliche Freizeitaktivit\u00e4ten f\u00fcr seine Sportart opfern muss, um mit den Teamkameraden weiter mithalten zu k\u00f6nnen. Da kam ihm eine Traineraufgabe wie gerufen. Bedingt durch die Behinderung seiner Eltern verbrachte Jonathan viel Zeit bei Treffen mit Blinden und gerade jetzt wurde ein neuer bezahlter Trainer f\u00fcr die Blindennationalmannschaft gesucht. Ohne viel zu \u00fcberlegen nahm Jonathan den Job an und erreichte einen ausgezeichneten dritten Platz bei der Blindenschacholympiade in Siebenb\u00fcrgen mit seiner Mannschaft. Eine folgende Ehrung beim Bundeskanzler Helmut Kohl und Innenminister Wolfgang Sch\u00e4uble nutzte Jonathan, um einer bezaubernden, fr\u00fcheren Schulkameradin zu imponieren. Sein Selbstvertrauen gegen\u00fcber Frauen war nicht nur wegen seiner Erfolge, sondern auch aufgrund einer Zahnkorrektur gewachsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gemeinsame Nacht im Hotel f\u00fchrte jedoch nicht zu dem gew\u00fcnschten Erfolg. Ihr aktueller Bodybuilder-Lover hatte ihm vor der Abreise ins Palais Schaumburg nach Bonn mit heftigsten Schl\u00e4gen gedroht, falls er sich nicht keusch verh\u00e4lt, was ihm einen geh\u00f6rigen Respekt einfl\u00f6\u00dfte. Das gro\u00dfe Ziel eine Partnerin zu finden, wurde nun in Gedanken vor Gott bewegt. Es w\u00e4re doch passend eine starke Schachspielerin zur Frau zu bekommen, brachte der Held dieser Geschichte nach einem Vaterunser vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alfred und Anna Fischer wussten nichts von diesen W\u00fcnschen und fanden es an der Zeit einer anderen, n\u00e4mlich beruflichen Ver\u00e4nderung. Jonathan stimmte zu und konzentrierte sich nun auf eine Erfolg versprechende Karriere im Bankwesen. Zu seiner Freude wurde er Klassenbester und von seinen Volksbank-Vorgesetzten vorbildlich gef\u00f6rdert. Die Bezahlung war besser und der Erfolgsdruck in dieser Zeit nicht so gro\u00df, was ihm zu einem gewissen Wohlstand verhalf. Als Jonathan Mitte Zwanzig war schmiedete er Pl\u00e4ne, wo er seinen n\u00e4chsten Erholungsurlaub verbringen soll. Deshalb suchte er ein Reiseb\u00fcro in der Stuttgarter K\u00f6nigstra\u00dfe auf. In ihm wurde der Wunsch geweckt nach Kenia zu fliegen. Kenia war das Land vieler Langstreckenl\u00e4ufer, die er bewunderte. In den wenigen Tagen die er in der Einrichtung der Sportlehrkompanie in Warendorf verbringen durfte, trainierte er selbst mit den in der Nachbarstube wohnenden deutschen Mittelstreckenl\u00e4ufern und sah sich mit ihnen gemeinsam Marathonl\u00e4ufe und andere Wettk\u00e4mpfe im Fernseher an. Jonathan hatte einen guten Ruf in der Sportf\u00f6rdergruppe, da er als Schachspieler im Training m\u00fchelos einen zehn Kilometer Waldlauf bew\u00e4ltigen konnte und bei der Vergabe des Sportabzeichens viele andere Leistungssportler im 5000 Meter Lauf abh\u00e4ngte. Er wusste nicht, dass er bald die erstaunlichsten Erlebnisse mit weltber\u00fchmten Spitzensportlern machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>https:\/\/matthiasruf.files.wordpress.com\/2021\/01\/kapitel-1-jonathan-fischers-kindheit.mp3 &nbsp; Jonathan Fischers Kindheit, die Lebensfiktion des \u201eRufenden Geschenkes\u201c &nbsp; An einem Ostersonntag vor etwa vierzig Jahren wurde der Held dieser Geschichte, Jonathan Fischer in einem Stuttgarter Krankenhaus geboren. Das Baby war sechs Tage \u00fcber der errechneten Zeit, hatte ein sattes Gewicht von sechs Kilogramm und eine erstaunliche K\u00f6rperl\u00e4nge von sechzig Zentimeter. 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